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Ein gutes Herz

The Good Heart. IS/DK/USA 2009. R,B,M: Dagur Kári. K: Rasmus Videbaek. S: Andri Steinn. M: Orri Jonsson. P: Zik Zak Filmworks, Ex Nihilo, Forensic Films, Nimbus Film Productions. D: Brian Cox, Paul Dano, Stephanie Szostak, Damian Young, Isild Le Besco, Clark Middleton, Naeem Uzimann, Edmund Lyndeck u.a.
99 Min. Alamode ab 25.11.10

Hart, aber herzlich

Von Daniel Bickermann Wenn man selbst an einer Entspannungskassette seine Wut ausläßt, hat man offensichtlich ein Problem. Wenn man kaum was zu essen hat, es aber mit einer Katze teilt, dann auch. Die Resultate lassen nicht lange auf sich warten: Der mißmutige Barkeeper Jacques kollabiert mit Herzinfarkt, der altruistische Penner Lucas schneidet sich die Pulsadern auf.

Daß allzufrüh klar ist, was mit den titelgebenden Organen der beiden Protagonisten nicht in Ordnung ist, daß ausgerechnet der Hartherzige ein Herzproblem hat und der Großherzige einen Spenderausweis, das muß man erstmal schnell vergessen, das führt nur auf die falsche Spur von Schicksalsdramen wie 21 Gramm. Hier geht es um ewas anderes, um etwas Tieferes. Hier geht es um Männer und um die Kunst der Bewirtung.

Daß Dagur Káris neuer Film, mit dem er vier Jahre nach der dänischen, überraschend komödiantischen Produktion Dark Horse nun in New York gelandet ist, so liebevoll gelingt, hat drei Gründe. Zum einen sammelt der Autor, Musiker und Regisseur die schönsten kleinen Anekdoten: die erhängte Katze und die tödliche Auster; die hübsche Frau des Schneiders und der Zusammenhang zwischen Brokkoli und Flatulenzen; die Stewardeß mit Flugangst, die Ente in der Bar und die angeritzten Ohren – hier hat einer ein typisch skandinavisches Skurrilitätenkabinett in die Bronx gebracht. Dazu gehören auch die absurden Stammgäste in Jacques Bar, wo Neukunden grundsätzlich rausgeschmissen werden, wo sich der schwarze Müllmann und der weiße Romanautor treffen – und immer der gleiche traurig glotzende Spinner in der Ecke sitzt, von dem keiner weiß, wer er eigentlich ist. Hier wird der alte Hase dem jungen Hüpfer die verlorene Kunst der Bewirtung beibringen, die Kenntnis der Gäste, den Wert der Gemeinschaft und die ebenso vergessene Kunst des Kaffeekochens. Dank Farbe und Ambiente wirkt diese Zelebrierung des letzten maskulinen Rückzugsortes dann manchmal, als hätte Samuel Beckett zwischen zugemülltem Aschenbecher und selbstspielendem Klavier ein postapokalyptisch angehauchtes Remake von Cocktail gedreht: »We're not here to save people, we're here to destroy them.«

Der zweite Erfolgsgrund liegt in den beiden Hauptdarstellern. Brian Cox, kaum zu erkennen mit verwahrloster Lebowski-Frisur und zerfurchtem Gesicht, und Paul Dano, mit seinem traditionell radikalen Starren, haben etwas, das sonst Screwball-Liebespaaren vorbehalten ist: echte Chemie und heftigen Funkenschlag. Sie spielen ganz klein, wenn alles ganz groß ist, und ganz groß, wenn alles außenrum klein ist. Sie breiten voller Spielfreude auch die etwas konstruierten Konflikte zwischen dem Altruisten und dem Misanthropen vor uns aus, die sich ganz unten treffen und sich gegenseitig doch so viel zu sagen haben. Hinten raus, wenn dann die obligatorische, hier etwas schwach geratene Frauenfigur zwischen sie und in diesen Film platzt, könnten die Dialoge aufgesetzt wirken, strindbergianisch in ihrer emotionalen Radikalität – aber die Schauspieler reißen vieles raus. Das schließt die teils begnadeten Nebendarsteller mit ein, vor allem die ständig herumzickenden Stammgäste Daniel Raymont und Damien Young, dieser wundervolle, zu Unrecht vergessene Hal-Hartley-Veteran.

Der dritte und wichtigste Grund aber, warum dies ein empfehlenswerter Film für einen romantischen oder besinnlichen oder einfach nur freundlichen Abend ist, ist der: Dies ist ein Kinofilm, der das Selbstbewußtsein und die Reinheit für große Bilder hat und auf großer Leinwand gesehen werden möchte. Die meist nächtliche Stimmung ist farbentsättigt und in grüngelbes Neonlicht getaucht, und die wundervollen New Yorker Stimmungsbilder werden von der melancholischen Musik von Kári und seiner Zwei-Mann-Band »Slowblow« begleitet. Hier fügen sich von der zurückhaltenden Kamera über die Farbgebung bis zum Soundtrack alle Inszenierungsbereiche zu einem großen, stimmigen Ganzen zusammen. Es wäre kein Kári-Film, wenn es nicht auch die typisch radikale Wendung gäbe, die allerdings diesmal etwas erwarteter und milder ausfällt als beispielsweise der plötzliche Bergsturz, der praktisch alle Personen und fast den Film Nói Albinói plötzlich unter sich begrub. Etwas erwarteter, aber genauso voller poetischer Gerechtigkeit. 2010-11-19 12:09

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