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Carlos – Der Schakal

Carlos. F/D 2010. R,B: Olivier Assayas. B: Dan Franck. K: Yorick Le Saux, Denis Lenoir. S: Luc Barnier, Marion Monnier. P: Films en Stock (FR). D: Édgar Ramírez, Alexander Scheer, Nora von Waldstätten, Christoph Bach, Aljoscha Stadelmann, Julia Hummer, Juana Acosta, Jule Böwe u.a.
330 Min. NFP ab 4.11.10

Über kurz oder lang

Von Sascha Ormanns Ilich Ramírez Sánchez, hierzulande eher unter seinem »Kampfnamen« Carlos bekannt, galt bei westlichen Geheimdiensten lange als der meistgesuchte Terrorist überhaupt. 1994, nach über 20 Jahren grausamer Gewaltverbrechen, konnte er schließlich gefaßt werden und verbüßt seither eine lebenslange Haftstrafe in einem französischen Gefängnis. Regisseur und Drehbuchautor Olivier Assayas hat mit Carlos – Der Schakal nun ein biographisches Filmepos realisiert, das, inspiriert von der Realperson, einen beeindruckenden Einblick in die Entwicklungen des internationalen Terrorismus' gewährt, sich seiner Fiktionalität allerdings permanent bewußt ist – ob auf inhaltlicher oder inszenatorischer Ebene.

Die vielleicht größte Leistung des fünfeinhalbstündigen Großprojekts Carlos ist, daß man ihm auch die rein organisatorischen Anstrengungen zu keiner Sekunde anmerkt. Schon die Produktionsbedingungen sind mehr als eindrucksvoll: 300 Seiten Drehbuch, über 90 Drehtage in rund zehn Ländern mit unzähligen Drehorten und einer Vielzahl internationaler Schauspieler, die die verschiedensten Sprachen sprechen. Eigentlich wurde Carlos für die Ausstrahlung als Miniserie im Fernsehen konzipiert und würde in diesem Format wohl auch bestens funktionieren, doch meint man bei der Betrachtung im Kino zu erahnen, daß er es erst auf der großen Leinwand vermag, so fantastisch zu unterhalten und regelrecht mitzureißen. Die 330minütige Version, die bereits in Cannes vollkommen zurecht frenetisch bejubelt wurde, wird wohl leider nur in ausgewählten Kinos gezeigt werden. Und obgleich diese epische Fassung in ihrer dramaturgischen Dichte zu keiner Zeit Langeweile aufkommen läßt, jede einzelne Szene essentiell erscheint, wird es einen um über zwei Stunden gekürzten Carlos geben: Neben der Frage, wie dies überhaupt möglich sein soll, ohne eine komplett andere Wirkung zu erzielen, bleibt vor allem spannend, ob auch diese Version so großartig funktionieren wird.

Assayas' Film befaßt sich mit der Zeit Carlos' terroristischer Verbrechen, in der er später auch zum schlichten Söldnertum tendiert. Insgesamt umspannt dies immerhin gut 20 Jahre – und erfreulicherweise verfallen der Regisseur und sein Koautor Dan Franck bei ihrer Figurenzeichnung nie in stereotype Rollenmuster: Alle Figuren und ihre politischen Gewalttaten werden jederzeit ernstgenommen, der Wahnsinn ihrer radikalen Ideologie aufgezeigt, mit dem Wissen, daß diese Menschen Mörder, Kriminelle, Terroristen sind und so bezeichnet werden müssen, sich allerdings nicht ausschließlich durch ihre Taten definieren. Carlos zeigt sie eben auch beim Feiern, Saufen, Rauchen, Tanzen, Sex. Als »normale« Menschen mit normalen Bedürfnissen – ohne ihr Handeln zu rechtfertigen oder gar zu glorifizieren.

Olivier Assayas findet zusammen mit seinen beiden Kameramännern Yorick Le Saux und Denis Lenoir eine hervorragend geeignete Bildsprache, um die inhaltlich komplexen Strukturen auf der Leinwand adäquat wiederzugeben. Sein Inszenierungsstil erinnert bisweilen an Paul Greengrass' technische Herangehensweise mit seiner dynamischen Handkameraoptik, die in Carlos eine ähnlich pseudodokumentarische Echtzeitinszenierung suggeriert, die in der Lage ist, den Zuschauer in die Geschichte hineinzuziehen – ihn fast selbst zum Protagonisten werden zu lassen. Die Handlungen werden hier bewußt en detail auserzählt, um so das Verständnis für die Figuren beim Zuschauer zu gewährleisten, ebenso wie für die Geschichte.

Nicht zuletzt, weil alle Schauspieler in Carlos fabelhafte Arbeit leisten – und das bis in die kleinste Nebenrolle –, funktioniert die Dramaturgie des, um es noch einmal zu betonen, fünfeinhalbstündigen Meisterwerks so ausgezeichnet. Ob Julia Hummer, die Gabriele Kröcher-Tiedemann alias »Nada« mit einer wahnsinnigen Konsequenz verkörpert, oder Nora von Waldstätten, die den schwierigen Part von Carlos' jahrelanger Ehefrau Magdalena Kopp mit Bravour meistert. Oder der brillante Alexander Scheer als Carlos' rechte Hand – um nur drei Beispiele für die außerordentlichen Leistungen allein der deutschen Schauspieler zu nennen. Und zuletzt muß Édgar Ramírez in der Titelrolle erwähnt werden, der eine brachiale Leinwandpräsenz besitzt, charismatisch, wandelbar und gänzlich überzeugend agiert. 2010-10-29 09:52

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