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R.E.D. – Älter, härter, besser

RED. USA 2010. R: Robert Schwentke. B: Erich Hoeber, Jon Hoeber. K: Florian Ballhaus. S: Thom Noble. M: Christophe Beck. P: Di Bonaventura Pictures, Summit Entertainment. D: Bruce Willis, Morgan Freeman, John Malkovich, Helen Mirren, Karl Urban, Mary-Louise Parker, Richard Dreyfuss, Julian McMahon u.a.
111 Min. Concorde ab 28.10.10

Noch einmal mit Maschinengewehr

Von Christian Simon Es ist drei Jahre her, da sah man Bruce Willis im vierten Teil von Stirb Langsam nicht mehr nur als alternden Haudegen, den er im Actionkino auf die ein oder andere Weise immer schon verkörperte, man sah ihn als scheinbar endgültig überholtes Auslaufmodell einer zunehmend digitalisierten, ihn und viele andere überfordernden Welt, in der ganze Hauptstädte das Autofahren verlernten, als die Ampeln ausfielen. Das paßte nicht zuletzt gut in ein Kinojahr, in dem neben Willis' John McClane auch einstige Ikonen wie Indiana Jones, Rocky Balboa und John Rambo auf die Leinwand zurückkehrten und sich inhaltlich wie filmtechnisch zwischen einer Aktualisierung ihrer Figur im zeitgenössischen Kontext und einer wohlig warmen Nostalgie für die vergangenen Tage bewegten. Doch nun, in Robert Schwentkes schwungvoller, höchst modern inszenierter Actionkomödie R.E.D., findet sich Willis gleich gänzlich aussortiert. Vom CIA in den Ruhestand geschickt, verbringt er als ehemaliger »Black operations«-Spezialist Frank Moses seine Tage in einem namenlosen Vorort, darauf wartend, seine Rentensachbearbeiterin Sarah (Mary-Louise Parker) anrufen zu können. Doch als Moses unsanft herausfindet, daß er und zahlreiche seiner Rentnerkollegen auf der Abschußliste ihrer Nachfolger beim CIA gelandet sind, kehrt das alte Eisen aus dem Ruhestand zurück.

Warren Ellis, Autor der Graphic Novel, die hier als Vorlage diente, schrieb auf seiner Webseite bereits vor knapp einem Jahr über die zahlreichen Unterschiede zwischen der Vorlage und dem Filmskript. Inhaltlich seien diese zwar allesamt dem Umstand geschuldet, daß die gerademal sechsundsechzig Comicbuchseiten auf Spielfilmlänge haben ausgebaut werden müssen, doch wäre auch der Ton des Drehbuchs ein anderer – weniger düster, eher leichter und lustiger. Im Gegensatz zu beispielsweise Alan Moore, der so ziemlich jeden auf seinen Büchern basierenden Film im Mindesten hassenswert findet oder dies zumindest so kundtut, stellt Ellis kein bißchen mißmutig fest, daß R.E.D. nun mal eine Adaption seiner Arbeit und der von Zeichner Cully Hamner ist. Die Geschichte des Films sei zwar anders, aber nicht schlecht. Und das Skript besäße, so sein wichtigstes Argument, den Ansatz der Adaption zu mögen, »Helen Mirren with a sniper rifle«.

Die Regie von Robert Schwentke – der auch hier wieder mit Kameramann Florian Ballhaus zusammenarbeitete, mit dem er bereits den wundervollen Eierdiebe in Deutschland drehte und der seitdem die Bilder zu Filmen wie Der Teufel trägt Prada, Vielleicht, vielleicht auch nicht_ oder Marley & Ich lieferte – zeigt sich gewohnt gelungen, pointiert, hochwertig. Schon die Eröffnungssequenz in Frank Moses' Vorstadtdomizil schafft es, in ruhigen, toll fotographierten Einstellungen die Vorgeschichte und den Hintergrund des Protagonisten zu erzählen, ohne daß es vieler Worte bedarf. Es fehlt nur der Trainingsanzug, und der stoische Bruce Willis säße in seinem Wohnzimmer wie einst Bill Murray in Jim Jarmuschs Broken Flowers. Diese wenigen Minuten, eigentlich rein expositorisches Material, zeigen, daß hier Menschen am Werk waren, die ihr Handwerk künstlerischer verstehen als jene bei vergleichbaren Produktionen. Eine ausdrucksfähige Regie ermöglicht nicht zuletzt Stimmungen, die in Gesichtern lesen lassen, auch wenn sich diese um den minimalen Ausdruck bemühen. Eine gute Inszenierung kann das nicht nur im bedeutungsschweren Drama, sie kann das auch, wenn eine Erzählung »nur« der Unterhaltung dient.

Für den Film spricht zweifellos auch die bis in die Nebenrollen außerordentliche Besetzung. Um an dieser Stelle nicht vierzehn Prominente aufzulisten, sei ein Blick in die Credits empfohlen. Daß das Stelldichein der großen Namen jedoch nicht mutwillig wirkt, begünstigt die leichtgängige Unterhaltung, die Situationskomik, den Dialogwitz. Das Ensemble tingelt von einer (buchstäblichen) Postkartenszenerie in die nächste und lebt hierbei von einem konstant aufrecht gehaltenen Zustand der Absurdität, resultierend aus der Kombination von ernsthaften Sujets wie Liebe, Mord und Ruhestand mit reichlich realitätsfernen, mitunter kuriosen Actionszenen. Diese mögen zwar für manche, die womöglich auch eine etwas ernsthaftere Adaption erwartet oder erhofft hatten, zu überzogen geraten sein, doch ist R.E.D. trotz vieler Albernheiten nicht hirnlos – und das ist auch Robert Schwentkes Inszenierung zu verdanken, die zwischen all dem unterhaltsamen Krawall immer wieder den Raum für kleine Feinheiten des filmischen Geschichtenerzählens findet.

Aber mal abgesehen davon. Wer kein Interesse an einem Film hat, in dem Helen Mirren Maschinen- und Scharfschützengewehre bedient, dem hat schon Warren Ellis sehr wahre Worte mit auf den Weg gegeben: »I'm not sure if I want to know you.« 2010-10-27 12:53

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