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Scar 3D

USA 2007. R: Jed Weintrob. B: Zack Ford. K: Toshiaki Ozawa. S: Chris Figler. M: Roger Neill. D: Angela Bettis, Kirby Bliss Blanton, Ben Cotton, Christopher Titus, Devon Graye, Al Sapienza, Brittney Wilson, Monika Mar-Lee u.a.
90 Min. Fantasia Film ab 21.10.10

Kleine Folter unter Freunden

Von Ekaterina Vassilieva Das Problem dürfte jedem Horrorfan bekannt sein: Irgendwann ist Schluß mit dem Grauen. Das Schauererlebnis will sich einfach nicht mehr einstellen, egal welche Schockeffekte oder Kunstgriffe – einschließlich der 3D-Technologien – die Filmemacher auch bemühen mögen. Der Grund ist dabei weniger die vermeintliche »Abstumpfung«, sondern die gewonnene Einsicht in die Funktionsweisen des Genres: Sobald die wichtigsten Horrormuster verstanden sind, fehlt das Wesentliche, was man zum Fürchten braucht – das Geheimnis und die Überraschung. Man könnte natürlich weiterhin auf den ultimativen Kick warten, wie man es in den Jugendjahren mal erlebt hat. Besser ist es aber, sich mit der Situation abzufinden und sich ein Vorbild an den Liebhabern des klassischen Balletts zu nehmen, die nicht überdrüssig werden, immer wieder dieselben Choreographien anzuschauen, um dann um so mehr die kleinsten Unterschiede auszukosten, die sich aus unterschiedlichen Interpretationen ergeben.

Scar ist ein Film, an dem sich fast keine Elemente finden, die man nicht auf die Tradition des modernen Horrorfilms, insbesondere des Slashers und des sogenannten »Folterpornos«, zurückführen könnte. Die Mischung ist aber, wie immer, einzigartig und verdient etwas näher betrachtet zu werden. Die Hauptheldin, Ex-Finalgirl Joan Burrows, hat dem erfahrenen Horrorzuschauer nämlich Einiges voraus: Ihr Grauen kennt kein Verfallsdatum. Das Trauma, das sie vor 16 Jahren als Teenager in der Gewalt eines fiesen Triebtäters erlebt hat, verheilt nicht, genauso wenig wie die von ihm hinterlassene Gesichtsnarbe, die sich, gleich einem Stigma, plötzlich wieder entzündet. Damals mußte sie zusätzlich zu den physischen Qualen auch moralische Folter erleiden: Ihr Peiniger, der Bestattungsunternehmer Ernie Bishop (hier scheinen sich Beruf und »Hobby« günstigerweise zu ergänzen), quälte seine Opfer immer im Tandem, wobei derjenige, der als erster die »Erlaubnis« ausgesprochen hatte, den Mitleidenden zu töten, vorerst begnadigt wurde. Hier bekommt das bekannte Motiv der Serienmorde innerhalb einer geschlossenen Gruppe eine zusätzliche Legitimation: Die Folter entfaltet ihre volle Wirkung nur, wenn zwei befreundete Personen ihr gleichzeitig unterzogen werden.

Daß der feste Freundeskreis in diesem Fall nicht unbedingt ein Segen ist, wird schnell klar, wenn Joan nach vielen Jahren in ihre Heimatstadt, wo sich das Grauen ereignet hat, zurückkehrt, um ihren Bruder zu besuchen, und die Handschrift ihres längst verstorbenen Henkers an der neuen Mordserie erkennt, die just in diesem Moment den Ort erschüttert. Den Kontaktfreudigsten unter den Schulkameraden ihrer Nichte Olympia werden die freundschaftlichen Beziehungen, die sie als Opfer geradezu prädestinieren, schnell zum Verhängnis, wogegen dem Außenseiter Paul das gleiche Schicksal zunächst erspart bleibt… Hier wird bereits deutlich, worauf es der Mörder tatsächlich abgesehen hat: auf den solidarischen Gemeinschaftssinn, den er mit seinen Spielchen zu erschüttern trachtet. Das Böse treibt zwar seine makabren Früchte innerhalb der idyllischen Kleinstadt, ideologisch bleibt es ihr aber fremd, unbegreifbar aus ihrer inneren Struktur heraus, die ansonsten keine gravierenden Spannungen erkennen läßt. Es verwundert daher auch nicht, daß alle üblichen Sicherheitsmaßnahmen in diesem Fall zu kurz greifen und die gut ausgebildeten Polizisten dem amateurhaft agierenden Psychopaten keinen richtigen Widerstand leisten können. Das Verdrängte hat sich dermaßen selbständig gemacht, daß keine Indizien mehr auszumachen sind, die auf seine Verbindung zum kollektiven Bewußtsein hinweisen würden.

Zur Schlüsselmetapher wird dabei der Irakkrieg, der in Joans Heimatstädtchen keine Spuren hinterlassen hat, bis auf den traumatisierten Ex-Soldaten, der sich, ähnlich wie sein Sohn Paul, aber auf eine viel extremere Weise, von der Außenwelt abschirmt und so gar nicht zum freundlichen Wesen der lokalen Ordnungshüter paßt. Dazu gehört auch, daß er nie seine Uniform ablegt, was angesichts der neuen Mordserie verdächtig stimmt, zumal der bereits zur Legende gewordene »Urmörder« Bishop auch ein Soldatenbarett trug. Damals bezog sich dieses modische Accessoire jedoch vermutlich auf den ersten Irakkrieg, der zu Joans Teenagerjahren gerade im Gang war. Haben wir hier vielleicht mit einer Parabel auf die amerikanische Außenpolitik zu tun, die mit schöner Regelmäßigkeit gewaltsame Eingriffe vornimmt? Gleichzeitig aber wird der Krieg auf die Peripherie der Gesellschaft verdrängt und nicht als Produkt der amerikanischen Lebensart, sondern vielmehr als ein Störfaktor inszeniert, der auf eine fast mystische Weise in die sonst intakte Gemeinde eindringt. Das paßt aber wiederum zur konservativen Weltanschauung, die im konventionellen Genrekino üblicherweise transportiert wird. Scar hat also auch in diesem Sinne eher repetitiven Charakter und verläßt sich, wie sein (Anti)Held, lieber auf die größeren Vorgänger, anstatt neue Schreckensszenarien zu ersinnen. Deshalb werden vor allem Horroranfänger an ihm ihren Spaß haben, oder aber die Feinschmecker, die die kleinsten Variationen des bereits Gesehenen goutieren können. 2010-10-18 11:13
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