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Ondine – Das Mädchen aus dem Meer

Ondine. IRL 2009. R,B: Neil Jordan. K: Christopher Doyle. S: Tony Lawson. M: Kjartan Sveinsson. P: Wayfare Entertainment, Octagon Films, Little Wave Productions, Radio Telefís. D: Colin Farrell, Alicja Bachleda, Tony Curran, Stephen Rea, Tom Archdeacon, Dervla Kirwan, Alison Barry, Emil Hostina u.a.
111 Min. Concorde 21.10.10

Meerchen

Von Mary Keiser Realität wird vollkommen überbewertet. Der Genuß von trostlosen, in blassen Farben erzählten Sozialdramen mit bedauernswerten Figuren ohne Hoffnung kann im Grunde nur einen Hang zur Selbstgeißelung bei den Zuschauern bedeuten. Es scheint wie eine Sucht nach schonungsloser Realität, aber vielleicht ist es auch nur der gute alte Voyeurismus, der einen beim Anblick der zerstörten Leben wohlig im Sessel erschauern läßt. Dies würde allerdings eine Distanz voraussetzen, die Einfühlungsvermögen für das Leid der anderen eher unwahrscheinlich macht.

Regisseur Neil Jordan dagegen ist ein Meister der Empathie. Er versteht es, noch so grausame Realitäten mit ein wenig Feenstaub zu bestreuen, um so den Zugang zu seinen schillernden Figuren und ihren Geschichten auf einer tieferen Ebene zu ermöglichen. Jordan weckt das Kind im Betrachter und dessen intuitives Verständnis für Andersartiges. Denn er weiß, daß der unbedingte Glaube an Rationalität eben nichts weiter ist als ein Glaube und daß es nicht immer von Vorteil sein muß, mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen. Nur durch Fantasie und die daraus resultierende Vorstellung von einer besseren Welt ergibt sich der Drang nach Veränderung. Die kleine, schwerkranke Annie beschwert sich über die langweilige Geschichte ihres Vaters, dem Fischer Syracuse, dem im wahrsten Sinne des Wortes eine Frau ins Netz gegangen ist. Annie besteht darauf, daß Ondine eine Nymphe ist, die ihr vielleicht helfen kann, gesund zu werden. Ihre Einbildungskraft verändert die Wirklichkeit, indem sie ihrem Vater, der verlorenen jungen Frau und sich selbst Hoffnung gibt. Für Menschen, denen es sehr schlecht geht, kann ein wenig Illusion der einzige Ausweg sein. Jordan bringt sie dem Betrachter wirklich nahe, die Außenseiter, Verlierer und Träumer, indem er die Geschehnisse aus ihrer Sicht erzählt. Man suhlt sich nicht in ihrem Elend, sondern versteht oder bewundert sie sogar am Ende.

Jordans Spezialität sind Tabubrüche und Grenzüberschreitungen – in Religion, Sexualität oder Kriminalität. Er hinterfragt konsequent die gesellschaftlichen Normen, wobei die märchenhaften Elemente oft dazu dienen, eine andere Perspektive zu schaffen.

In Ondine dürfen ein irischer Alkoholiker und eine osteuropäische Drogenkurierin, die sich ihrer alten Kumpane gewaltsam entledigt hat, am Ende heiraten. Das hört sich in der Tat weitaus weniger romantisch an als die Geschichte vom armen Fischer, der sein Glück mit einer Frau aus dem Meer findet, nachdem diese den bösen Unbekannten besiegt hat. Und doch ist es ein- und dieselbe Geschichte, deren zwei verschiedene Versionen Ondine auf kunstvolle Weise zur gleichen Zeit erzählt. Was zunächst locker und unaufwendig wirkt, erweist sich als vielschichtig. Die genau durchdachten Einstellungen von Kameramann Christopher Doyle lassen stets mehrere Interpretationen zu. Die polnische Schauspielerin Alicja Bachleda-Curus ist immer märchenhafte Meerjungfrau und zugleich einfach die hübsche Fremde, die gerne schwimmt, ohne daß ein Kostümwechsel nötig wäre, denn es liegt einzig und allein im Auge des Betrachters. Die Figuren selbst wechseln zwischen den verschiedenen Sichtweisen hin und her, bis sie erkennen, daß eine Entscheidung unnötig ist und sie fortan das reale Märchen leben.

Daß die Umsetzung geglückt ist, liegt nicht nur an der von vornherein zauberhaften Landschaft, sondern vor allem am Spiel und der ebenfalls gegebenen entrückten Ausstrahlung der Hauptdarstellerin. Auch die noch schaupielunerfahrene Alison Barry schafft es, Annie so weise darzustellen, daß man ihr genau nach Plan die Meerjungfrauengeschichte glauben möchte.

Jordans charmantes Drehbuch trägt Züge seiner Patrick McCabe-Verfilmungen, weniger abgedreht und lustig, dafür subtiler, vielleicht sogar zu subtil, da einem die Hintergründigkeit leicht entgehen kann. Fest steht allerdings, daß Jordan bei den irischen Geschichten bleiben sollte, gegen die seine Hollywood-Produktionen nur bunter Abklatsch sein können. Trotzdem wird er, genau wie seine Vorliebe, die Märchen, als Regisseur eindeutig unterbewertet. 2010-10-18 15:43

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