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Banksy – Exit Through the Gift Shop

Exit Through the Gift Shop. USA/GB 2010. R: Banksy. K: Thierry Guetta, B+, Eric Coleman, Jaimie D’Cruz u.a. S: Tom Fulford, Chris King. M: Geoff Barrow. P: Paranoid Pictures.
87 Min. Alamode ab 21.10.10

Forrest Gump Does Art

Von Philip Gritzka »It's not Gone With The Wind – but there probably is a moral in there somewhere.« Mit diesen ein wenig resigniert klingenden Worten leitet Banksy in den »weltweit ersten Street-Art-Katastrophenfilm« ein, wie Exit Through the Gift Shop beworben wird. Das Gesicht tief im Schatten seiner Kapuze, die Stimme elektronisch verfremdet, hält das legendäre Phantom der Street-Art-Szene auch hier seine wahre Identität verborgen. Der Film erzählt nicht direkt von ihm, sondern von eben jener Katastrophe – und diese hört auf den Namen Thierry Guetta aka Mr. Brainwash, einem heiligen Narren, der seinerseits auszogen war, um eine Dokumentation über Banksy zu drehen, schließlich aber (nicht zuletzt dank dessen vorschneller Hilfe) selbst zu einem erfolgreichen, wenn auch künstlerisch äußerst armen Vertreter der Szene wurde. Ist Exit Through the Gift Shop womöglich ein exemplarisches Lehrstück über den Verlust der Unschuld einer Kunstbewegung?

Dabei präsentiert sich Guettas Geschichte denkbar unterhaltsam: Durch Glück und durch Hartnäckigkeit wird der Besitzer eines Bekleidungsgeschäftes nicht nur zum Videochronisten diverser Ikonen der Street-Art-Szene, darunter bald auch des schwer zugänglichen Banksy, sondern gleichsam zu einem gefragten Komplizen für deren häufig illegale Aktionen. Ungeschicklichkeit und Ignoranz gleicht der tollpatschige Franzose durch Eifer und fehlendes Risikobewußtsein aus, außerdem schmeichelt er der Eitelkeit der Künstler mit seinem Versprechen einer digitalen Verewigung ihrer Werke. Doch niemand ahnt, daß Guetta genausowenig Filmemacher wie Aktivist ist, sondern alleine davon besessen, seine Kamera auf alles zu richten, was ihm vor die Linse kommt – bis hin zum eigenen Toilettengang. Seiner Obsession geht er zwar mit fast krankhaftem Eifer nach, an eine Auswertung des Materials verschwendet er aber keinen Gedanken. Als die Zeit für die Veröffentlichung seines Films gegeben scheint, ist Banksy von Guettas fertigem Werk schockiert. Alptraumhaft sei der Film, als würde jemand mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne durch 900 Fernsehprogramme zappen: Life Remote Control – The Movie.

Ganz anders jedoch Exit Through the Gift Shop, Banksys daraus resultierender Regieversuch am vermeintlich selben Videomaterial: Die Geschichte um Thierry Guetta, der wie ein mit Videokamera bewaffneter Forrest Gump durch den Film stolpert, ist, witzig und temporeich, eigentlich zu perfekt um wahr zu sein. Die Unwahrscheinlichkeiten werden sogar noch zugespitzt, als dieser, um die Aufgabe seines Films beraubt, neue Erfüllung darin sucht, seinen Freunden nachzueifern und deren Kunst zu imitieren. Ohne Erfahrung, Ideen, gar ohne jedwedes Talent, aber mit der Unterstützung preisgünstiger Hilfskräfte mit Photoshopkenntnissen schustert er sich erst ein Œuvre und dann eine größenwahnsinnige Ausstellung zusammen, die ihn über Nacht zum Millionär macht. Von der Presse zum neuen Shootingstar gekürt, sehen seine einstigen Mitstreiter in ihm nur noch den kommerziellen Ausverkauf und endgültigen Sündenfall ihrer Bewegung.

Nimmt man Exit Through the Gift Shop für bare Münze, dann verbirgt sich hinter der geschilderten Assimilation der Street-Art durch den Kunstmarkt gerade einmal eine oberflächliche Dekonstruktion der kommerziellen Mechanismen des Kulturbetriebs. Doch Banksy (wie viele seiner Kolle-gen inzwischen selbst millionenschwer) ist zu gewitzt für solche einfachen Antworten. Gleich seinen sonstigen Arbeiten und Aktionen, ist auch sein filmisches Debüt formal von einem geschickt-ironischen Spiel mit Wahrnehmungsgewohnheiten bestimmt; wenn auch nie explizit, wird das Publikum jedenfalls zunehmend dazu angeregt, die Wahrhaftigkeit des Dargestellten in Frage zu stellen. Wenn aber Guettas Werdegang, vielleicht Guetta selbst nur reine Fiktion ist, dann offenbart der hier behauptete Tod der Street Art vor allen Dingen eines: daß der verspielte Geist dieser Bewegung (trotz lukrativer Ausstellungen und Deals), ganz im Gegenteil, noch höchstlebendig ist. Film als ironische Selbstbehauptung – und die vage Moral, die Banksy letztendlich aus den Ereignissen zieht, gerade einmal ein spöttischer Witz: »I used to encourage everyone I've met to make art, I used to think everyone should do it. I don't really do that so much anymore.« 2010-10-18 15:43

Abdruck

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