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La Bocca del lupo

I 2009. R,B: Pietro Marcello. K: Pietro Marcello. S: Sara Fgaier. M: Era. P: Indigo Film, L’Avventurosa Film. D: Vincenzo Motta, Mary Monaco.
76 Min. Arsenal Institut ab 21.10.10

Enzo, Mary, Genua und die Liebe

Von Marieke Steinhoff Anhand der Bilder einer Stadt die Geschichten ihrer Bewohner zu erzählen ist nicht neu. Sei es das modernistische Stadtbild der Neuen Sachlichkeit, die ungeschönt abfotographierten Stadtruinen des Neorealismus oder die grenzüberschreitende Koexistenz verschiedenster Lebenswirklichkeiten der gegenwärtig im Kino zu sehenden globalisierten Metropole – es scheint, als würden sich Stadtaufnahmen seit Beginn der Filmgeschichte besonders dazu eignen, dem Lebensgefühl der jeweiligen Zeit ein Gesicht zu geben.

Pietro Marcello entwirft nun mit La Bocca del Lupo eine sehr dynamische Idee der Stadt Genua und der Genueser, ein Portrait jenseits üblicher Erzählkonventionen. Im Zentrum steht, dies ist einigermaßen erkennbar, Genuas Hafenviertel, die Welt der sozial benachteiligten Menschen, die Welt von Enzo und Mary und ihrer Liebesgeschichte. Im Kontrast dazu: Archivaufnahmen und Amateurfilme von älteren Genuesern, die das alte, reiche und schöne Genua zeigen, das Genua der Fischer, das Genua des industriellen Aufbaus, das Genua wohlhabender Familien, die sich am Strand vergnügen. Dieses Genua mischt Marcello mit seinen eigenen Beobachtungen, schreibt es ein in die abgeblätterten Fassaden der Gegenwart, in die Gesichter von Enzo und Mary.

Es bleibt die Frage, wer welche Geschichte erzählt in dieser semifiktionalen Dokumentation; die Stadt Genua spuckt Menschen und Geschichten aus, Marcello kreiert daraus ein filmisches Stadtgedicht, bei dem man lange nicht weiß, worauf es hinauslaufen wird. Immer wieder im Visier der Kamera ist Enzo, »ein Kind im Körper eines Riesen«, geliebt von Mary, deren Stimme den dialoglosen Anfang begleitet, die uns einführt in Enzos Leben: Armut, Gewalt, Gefängnis, gleichzeitig aber die gegenseitigen Liebesschwüre (»stronza, sei la mia vita«, »ti adoro, dolcissimo bastardo«), die Enzo und Mary jeweils füreinander auf Tonband aufnehmen, um die Zeit der Trennung – den 14jährigen Gefängnisaufenthalt von Enzo – zu überbrücken. Wir lernen Enzo kennen über die Tonaufnahmen von Mary, und Mary über die Art, wie sie über ihre Liebe zu Enzo spricht. Schnell hofft man auf eine reale Begegnung dieser beiden Stimmen, auf etwas, das die Geschichte ins Rollen bringt, in gewohnte Bahnen, und bekommt sie dann im letzten Drittel des Films, in welchem Enzo und Mary zusammen in ihrer Wohnung sitzen und Mary im einzigen direkten Interview ihre Liebesgeschichte einmal chronologisch erzählt.

Die Annäherung an Enzo und Mary über die Bild- und Tonebene ist charakterisiert durch eine Vieldeutigkeit im Beschreiben, die einseitige Zuschreibungen unmöglich macht. Enzos Leben wird so mal als Krimi, mal als Actionfilm, dann wieder als konservative Liebesgeschichte erzählt, wenn wir ihn und Mary in ihrem erträumten Haus am Rande der Stadt glücklich vereint vor dem brennenden Kaminfeuer sitzen sehen – all diese performativen Akte scheinen als Formen der Selbstinszenierungen möglich und werden nicht eingeschränkt durch körperliche oder soziale Wirklichkeiten, nicht durch Enzos kriminelle Vergangenheit, nicht durch Marys Transsexualität, die weder zwischen den Beiden noch für den Film wirklich ein Thema ist, das problematisiert werden müßte. Die fiktionalisierten Szenen und Orte fungieren als möglicher Ausdruck von Enzos und Marys Gefühlen und Wünschen, so daß es letztendlich irrelevant ist, was inszeniert ist und was nicht, da subjektive Visionen des eigenen Lebens wiedergegeben werden, die so oder so ihre eigene Wahrheit implizieren.

Trotz der Zersplitterung in historische und neue Aufnahmen, dokumentarische und inszenierte, entsteht ein intensives Portrait der Liebenden und ihrer Stadt; daß die Repräsentation des »ärmlichen« Genua dabei nie pathetisch oder schwer daherkommt, ist ein großer Verdienst der Regie, die sich sehr zurücknimmt und die Stadt und ihre Bewohner sprechen läßt, ohne sie erklären zu wollen. Marcello schafft letztendlich eine Annäherung an vermeintliche Außenseiter der Gesellschaft, ohne über sie als Außenseiter zu sprechen – eine künstlerische Entscheidung, die La Bocca del Lupo selbst wiederum zum Außenseiter macht, im positivsten Sinn des Wortes. 2010-10-18 15:42

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