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Im Oktober werden Wunder wahr

Octubre. PE 2010. R,B: Diego Vega, Daniel Vega. K: Fergan Chavez-Ferrer. S: Gianfranco Annichini. M: Oscar Camacho. P: Maretazo Cine. D: María Carbajal, Carlos Gassols, Bruno Odar, Sonia Palacios, Víctor Prada, Sheryl Sánchez, Humberta Trujillo, Gabriela Velásquez u.a.
93 Min. Neue Visionen ab 14.10.10

Can't Buy Me Love

Von Franziska Schuster Der Gewinner des diesjährigen Cannes-Jurypreises in der Sektion »Un Certain Regard« heißt im Original schlicht Octubre. Für das deutsche Publikum wollten es die Verleiher offensichtlich deutlicher machen und konstruierten den etwas sperrigen Zusatz »werden Wunder wahr«, um die besondere spirituelle Bedeutung des »purpurnen Monats« im peruanischen Lima hervorzuheben. Unwillkürlich verschiebt sich durch diese Umformulierung der Fokus auf die Hauptfiguren: Im nüchternen Tonfall des internationalen Titels spiegelt sich der Materialismus des Pfandleihers Clemente, in dessen Leben Wunder grundsätzlich nicht vorgesehen sind. Der deutsche Titel rückt eher die Erwartungshaltung der Nachbarin Sofia in den Mittelpunkt, die voller religiöser Überzeugung an die Erfüllung ihrer geheimsten Wünsche glaubt. Denn als der alleinstehende Clemente eines Tages Anfang Oktober in seiner Wohnung einen Säugling findet, stellt er sie als Kindermädchen ein; ein Posten, den sie augenblicklich zu dem der Ehefrau umdeutet. Spätestens mit dem Auftauchen des altruistischen Don Fico und seiner todkranken Lebensgefährtin stoßen im Mikrokosmos von Clementes Wohnung ganze Lebenskonzepte aufeinander. Die Kollision erfolgt jedoch ganz leise, ohne emotionale Ausbrüche; man mag manch einer Figur gar unterstellen, daß sie den Konflikt gar nicht bemerkt.

Hier steckt eine große Tragik in der Geschichte: Jeder der Charaktere ist so in seiner eigenen Sichtweise befangen, daß die Kommunikation zwischen ihnen zwangsweise scheitern muß. Erst ganz zum Schluß bringt eine banale Bemerkung Clemente, der Sofias Vereinnahmungsversuche mit bemerkenswerter Ignoranz an sich abprallen läßt, auf die Idee, daß sich möglicherweise doch nicht alles mit Geld regeln läßt.

Für ihre Erzählweise haben die beiden Regisseure eine spannende Form der gleichzeitigen Verlangsamung und Beschleunigung gefunden, die zugleich das Spannungsfeld zwischen Spiritualität und Abgeklärtheit spürbar werden läßt: Einerseits arbeitet die Kamera mit langen, statischen und sorgfältig komponierten Einstellungen, während andererseits harte und elliptische Schnitte zu einer schlaglichtartigen Raffung der Narration führen. 2010-10-13 13:41

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #60.
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