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Das Schreiben und das Schweigen

Das Schreiben und das Schweigen. Die Schriftstellerin Friederike Mayröcker. D/I/A 2009. R,B,S: Carmen Tartarotti. B: Georg Janett. K: Pio Corradi. S: Ferdinand Ludwig. P: Carmen Tartarotti Filmproduktion.
90 Min. RealFiction ab 14.10.10

Der Rest ist Schweigen

Von Lena Serov Das Schreiben: Briefe. Notizen. Lose Zettel. Bücher. Alles übereinandergestapelt. Tische und Stühle voll davon. Ein Anrufbeantworter, der eingehende Anrufe wie Geisterstimmen in der Wohnung verhallen läßt. Für den Außenstehenden ein Chaos. Für Friederike Mayröcker, deren Kosmos man gerade betreten hat, hat das alles System oder vielmehr seine eigene Produktivität und Kreativität. Darin ist nur Platz für die Kamera und das Aufnahmegerät, die in dem Gewirr aus Schreibschnipseln plaziert werden, und die Filmemacherin, die sich als stille Beobachterin ins Off der Kamera zurückzieht, um ihre Protagonistin ganz für sich sprechen zu lassen. Kein Team – darauf besteht die wohl bekannteste österreichische Lyrikerin. Beim Schreiben sei sie sich selbst manchmal zu viel. So als müßten sich die verstreuten Textfragmente von allein zusammensetzen und die Texte sich selbst schreiben. Dieser Struktur folgt auch der Film. Er folgt keiner klaren narrativen Linie oder Dramaturgie, sondern entwickelt sich assoziativ aus den Erinnerungsfragmenten. Alte Fernsehaufnahmen von Lesungen mit Ernst Jandl, mit dem Friederike Mayröcker bis zu dessen Tod zusammengelebt hat, und Hans Artmann aus der Wiener Gruppe, Fotographien und anderes Archivmaterial werden zu Fenstern von Rückblicken. Denn wie andere aus ihrem Hirn etwas hervorholen, das könne sie nicht, so Mayröcker – das müßten die Bilder schaffen.

Das Schweigen: Friederike Mayröcker, die bereits die 80 Jahre überschritten hat und von sensibler Gesundheit ist, beschloß selbstbehauptend einen Film über das Schreiben und das Schweigen zu machen. »Ich mag nicht sprechen! Und auf dieser Grundlage werden wir unseren Film aufbauen.« Und tatsächlich sieht man Mayröcker selten in die Kamera sprechen, ist selten mit einer direkten Anrede konfrontiert. Stets gebückt und in sich versunken, sich hinter ihren rabenschwarzen Haaren versteckend entzieht sie sich einem neugierigen Zuschauerblick. Ihr zurückhaltendes, doch souveränes Abwehren von Fragen eines Interviewers, der beantwortet wissen will, worüber sie schon allzuoft gesprochen hat, ist eine der stärksten Szenen des Films. Und doch spricht sie: Ihre Stimme ist als »allwissende« Off-Erzählerin präsent – zugleich distanziert und nah. Die Stimme, die gezeichnet ist vom Alter, legt sich wie ein mal beiläufiger, mal hervorhebender Kommentar über den filmischen Text. Sie rezitiert Gedichte und erzählt von ihrer behutsamen Arbeitsweise und der Liebe zu den verstreut notierten Gedanken, die sie immer wieder aus dem Chaos hervorholt.

Sehr unaufgeregt und leise kommt dieser Film daher, der kein Portrait sein will, sondern vielmehr eine Elegie auf die Einsamkeit und das Schreiben und damit auf Werktätigkeit und Hinterlassenschaft. Und gleichzeitig hinterläßt er so viele Leerstellen, etwas, das visuell gar nicht vermittelbar ist – wie das Schweigen selbst. Friederike Mayröcker hat Wittgensteins Diktum – worüber man nicht sprechen könne, darüber müsse man schweigen – ernstgenommen. Den Rest findet man ja in ihrer Literatur. 2010-10-13 13:40

Abdruck

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