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The Road

USA 2009. R: John Hillcoat. B: Joe Penhall. K: Javier Aguirresarobe. S: Jon Gregory. M: Nick Cave, Warren Ellis. P: Chockstone Pictures. D: Viggo Mortensen, Kodi Smit-McPhee, Robert Duvall, Guy Pearce, Molly Parker, Michael K. Williams, Garret Dillahunt, Charlize Theron u.a.
111 Min. Senator ab 7.10.10

Eine unbequeme Wahrheit

Von Patrick Hilpisch Gefälliges Popcorn-Kino wird John Hillcoat wohl nie produzieren – und das ist auch gut so. Der arrivierte Musikvideo-Regisseur hatte bereits in seinem letzten Film die Grenzen eines altgedienten Genres ausgelotet, um eine grimmige Fabel um Schuld, Moral und Sühne zu erzählen. Fernab von Hollywood-Konventionen erforschte er in der Western-Ballade The Proposition Grenzbereiche – sowohl geographische als auch moralische. Das australische Outback wurde hier zum Purgatorium, zur Feuerprobe gesellschaftlicher Normen, familiärer Werte und ethischer Grundsätze an einem lebensfeindlichen Ort. Hillcoats düsterer Aussie-Western überzeugte mit exzellenten Darstellern, verstörend schöner Kameraarbeit und einer äußerst stringenten Erzählhaltung.

The Road greift einen Großteil dieser Themen und Motive wieder auf, allerdings in einem anderen Genre-Gewand. Basierend auf Cormac McCarthys mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman entwirft John Hillcoat ein postapokalyptisches Szenario, in dem die moralischen Werte durch den nackten Kampf ums Überleben erodiert sind. Die Welt liegt einige Jahre nach einem nicht näher benannten kataklysmischen Ereignis im Sterben. Die Vegetation ist zerstört. Die Tiere sind fast alle ausgestorben. Erdbeben erschüttern das Land. Es ist kalt und unwirtlich. Eine funktionierende Regierung gibt es nicht mehr. Der Alltag wird bestimmt von der Suche nach Schutz vor den Naturgewalten und der Suche nach Nahrung. Es herrscht das Gesetz des Stärkeren.

Durch dieses trostlose Trümmerfeld bahnt sich ein Vater mit seinem Sohn den Weg nach Süden. In der Hoffnung, daß es dort wärmer und fruchtbarer ist. Ihre spärlichen Besitztümer schieben sie in einem Einkaufswagen vor sich her, immer auf der Hut vor Räubern und kannibalischen Banden. Der Mann ist krank und weiß, daß er nicht mehr lange leben wird. Das Einzige, was ihn weiter antreibt, ist die Liebe zu seinem Sohn. Während des mühsamen und gefährlichen Marsches zur Südküste bereitet er den Jungen auf ein Leben ohne ihn vor.

Cormac McCarthy hat die Romanvorlage für seinen Sohn geschrieben. Eine Liebeserklärung eines Vaters an sein Kind. Eine Meditation über die Zerbrechlichkeit des Daseins, die Möglichkeit von Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten. Es ist ein düsteres Buch, das sich mit moralischer Verantwortung, existentiellen Fragen und der Endlichkeit des Seins beschäftigt. Ein Buch, das trotz aller Trostlosigkeit von Wärme, Vertrauen und Opferbereitschaft erzählt.

John Hillcoat hat in Interviews betont, daß er McCarthys Roman vor allem aufgrund des menschlichen Kerns der Fabel ausgewählt hat. Die inszenatorischen Möglichkeit der filmischen Aufarbeitung des Endzeit-Szenarios waren für ihn eher von sekundärer Bedeutung. Dementsprechend stellt er die verhältnismäßig spärlich eingesetzten Computereffekte zu jedem Zeitpunkt in den Dienst der Story und läßt sie nicht – wie so viele andere Vertreter des Sci-Fi-Genres – zu bloßen Schauwerten verkommen. Ebenso verhält es sich mit dem visuellen Konzept des Filmes. Wie bereits bei The Proposition kommt es Hillcoat auch bei The Road darauf an, dem Genre neue Blickwinkel zu entlocken. Und die ergeben sich nicht über den Look, sondern den Inhalt.

Ein Großteil der unbehaglichen Atmosphäre des Films wird durch den langsamen Erzählrhythmus und die antiklimaktische Dramaturgie erzeugt. Das intensive Spiel der beiden Hauptdarsteller stellt jedoch das Herz des Films dar. Denn mit der Glaubwürdigkeit der Vater-Sohn-Beziehung steht und fällt der emotionale Kern des Films. Viggo Mortensen und Kodi Smit-McPhee spielen ihre Rollen mit einer Intensität und Passion, die fast schon an Selbstaufgabe grenzt. Das Changieren der Charaktere zwischen Verzweiflung, Resignation und Hoffnung wird nahezu körperlich spürbar. Menschlichkeit offenbart sich hier in der kleinsten gesellschaftlichen Einheit – der Familie. Hillcoat findet in all dem Elend, das die beiden umgibt, immer wieder beeindruckend intime Bilder für diese innige Beziehung zwischen Vater und Sohn.

Der Vater wird unter dem steigenden Überlebensdruck dazu gezwungen, immer impulsiver und moralisch fragwürdiger zu handeln, um das Leben seines Sohnes zu beschützen. Das duale Weltbild von den »good guys« und den »bad guys«, das er seinem Sohn vermittelt, droht zu verschwimmen. Der Junge muß in seiner kindlich naiven Barmherzigkeit lernen, daß auch der Verhaltenskodex der »Guten« zu bröckeln beginnt, wenn es um die nackte Existenz geht. Gleichzeitig spiegelt er dem Vater durch sein beharrliches Hinterfragen dieses moralische Dilemma.

Die Hoffnung auf eine bessere Zeit verweigert The Road. Und das macht den Film so unbequem. Wo etwa die thematisch verwandte Endzeit-Vision The Book of Eli das Wort Gottes als moralischen Rettungsanker auf dem Weg in die Barbarei verabsolutiert, treibt die Welt von The Road ankerlos dem Untergang entgegen. Die religiösen Referenzen in The Road bleiben leere Rudimente. Gott hat als hoffnungs- und orientierungsgebende Instanz ausgedient. Und so fordert der zarte Lichtblick, der am Ende aufblitzt, einen großen Vertrauensvorschuß ein – sowohl von den Figuren, als auch vom Zuschauer. Mehr Optimismus kann und will der Film nicht bieten.

Diese Kompromißlosigkeit ist ungewöhnlich für eine Hollywood-Produktion und wird einige abschrecken. Denn der Film hinterläßt ein durchdringendes Gefühl von Unbehagen. Die inszenatorische Wucht, mit der Hillcoat Ausweglosigkeit und Ratlosigkeit auf die Leinwand wirft, erinnert an die Dystopien des New Hollywood. Ebenso wie die entsprechenden Regisseure in den 1970er Jahren, bietet Hillcoat durch seinen Umgang mit dem Genre und seine unbedingte Konzentration auf unbequeme Wahrheiten eine dringend notwendige Alternative zum derzeitigen Sci-Fi-Kino Hollywoods an. Anstatt auf oberflächliches Spektakel und Effekte setzt der Regisseur auf tiefgreifende Emotion und Atmosphäre – und reiht auf diese Weise eine werkgetreue und brillante Adaption eines Klassikers der modernen amerikanischen Literatur in seine Filmographie ein. Das Einzige, was der Zuschauer tun muß, ist, dieses Angebot anzunehmen. 2010-10-05 11:53
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