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Das Ende ist mein Anfang

D 2010. R: Dr. Jo Baier. B: Ulrich Limmer, Folco Terzani. K: Judith Kaufmann. S: Claus Wehlisch. M: Ludovico Einaudi. P: collina Filmproduktion. D: Bruno Ganz, Elio Germano, Erika Pluhar, Andrea Osvárt, Nicolò Fitz-William, Gianni Cavina u.a.
98 Min. Universum ab 7.10.10

Tiziano Terzani hat keine Angst vor dem Tod – schön für ihn

Von Robert Cherkowski Wie man dem nahenden Tode begegnen soll ist eine Frage, mit der man sich auch auf den großen Leinwänden ein ums andere mal auseinandergesetzt hat. Melvil Poupaud in Francois Ozons Die Zeit die bleibt stürzte sich in Exzesse und brach Brücken ab. Jack Nicholson und Morgan Freeman erfüllten sich in The Bucket List kindliche Herzenswünsche und Anthony Hopkins blieb in Rendezvous mit Joe Black gar so cool, mit dem Grim Reaper (dem platinblonden Brad Pitt) zu verhandeln, um einen Aufschub zu erwirken. Meist bewirkte die Begegnung mit dem Tode einen unbedingten Lebenshunger. Die Protagonisten filmischer Sterbebegleitung werden sich im Anbetracht der großen Schwärze allzuoft der vergeudeten Zeit ihres Lebens bewußt und wollen nun, das Ende vor Augen, noch einmal beherzt aufdrehen.

Nicht so jedoch Tiziano Terzani (Bruno Ganz) in Jo Baiers rührigem Sterbemelodram Das Ende ist mein Anfang: als der ehemalige Journalist und Autor – vom fortschreitenden Darmkrebs gezeichnet – merkt, daß sich sein Leben im nahenden Ausklang befindet, läßt er seinen Sohn Folco (faszinierend hölzern: Elio Germano) zu seinem ländlichen Alterswohnsitz in der Toskana einfliegen, um ihm die Geschichte seines Lebens zu erzählen.

In der Tat kann Tiziano ein bewegtes Leben Revue passieren lassen: als Auslandskorrespondent und Asienexperte für den Spiegel verbrachte er große Teile seines Lebens in Singapur, Thailand, Japan, China und Neu Delhi, um nur einige zu nennen. Terzani war Zeuge sowohl politischer als auch ideologischer Umwälzungen. Sein Leben habe er »unglaublich intensiv« gelebt und der Tod, das gibt er mit faustischer Gelassenheit zum Besten, ist das einzig Neuartige, was ihm noch widerfahren kann. So weit, so gut.

Daß es sich dabei um eine Schutzbehauptung eines höchst geschwätzigen Kauzes handelt, daß läßt Bruno Ganz in seiner Interpretation Terzanis (bewußt?) durchblicken, und in der Tat bleiben Ganz und Erika Pluhar, die seine zwischen Hilflosigkeit, Wut und prophylaktischer Trauer pendelnde Frau Angela spielt, die einzigen Lichtblicke in diesem verquasten Filmchen, das weder formal noch schauspielerisch zu irgendeinem Zeitpunkt Akzente setzen kann. So wirken die Aufnahmen der Toskana wie Outtakes aus einem Lätta-Werbespot und klingen die gestelzten Gespräche zwischen Vater und Sohn als wären sie mühsam von indirekter Rede in Dialogform ummodelliert worden. Was gewichtig gemeint war und dem Tod seine fatalistische Schwere nehmen sollte, erscheint in seiner inszenatorischen Unbeholfenheit trivial und lächerlich.

Lebensbejahend und weise will Das Ende ist mein Anfang sein, doch zu deprimierend langweiligen und filmisch plumpen Geduldsprobe verkommt das Resultat, das im Fernsehen wesentlich besser aufgehoben wäre als auf der großen Leinwand, wo die Kleinkariertheit und Mutlosigkeit des Machwerks offen zutage treten. 2010-10-04 10:56

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