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Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben

Loong Boonmee Raleuk Chaat. E/T/D/GB/F 2010. R,B: Apichatpong Weerasethakul. K: Sayombhu Mukdeeprom, Yukontorn Mingmongkon, Charin Pengpanich. S: Lee Chatametikool. M: Koichi Shimizu. P: Anna Sanders Films, Kick the Machine, Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion u.a. D: Thanapat Saisaymar, Jenjira Pongpas, Sakda Kaewbuadee, Natthakarn Aphaiwonk, Geerasak Kulhong, Kanokporn Thongaram, Samud Kugasang.
114 Min. Movienet ab 30.9.10

Richtig Primitive

Von Werner Busch Apichatpong Weerasethakul ist ein Liebling der Filmkritik. Und der Filmfestspiele von Cannes. Mit seinem zweiten Spielfilm Blissfully Yours gewann er 2002 den Prix Un Certain Regard. Zwei Jahre später war es mit Tropical Malady der Preis der Jury, deren Mitglied er 2008 sein sollte. Nur folgerichtig erscheint da die Goldene Palme für seinen letzten Langfilm, Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives, der mit deutschem Verleihtitel mißverständlich Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben heißt. Denn ob wir in diesem Film frühere Erinnerungen unseres Protagonisten sehen, ist eine Frage der Auslegung.

An der Oberfläche der dinglichen Filmwelt reist der unheilbar kranke Onkel mit einer kleinen Gruppe aus Familie und Freunden zu seinem alten Bauernhof, um dort zu sterben. Ohne größere Verwunderung der Anwesenden stoßen bei einem abendlichen Essen einige Geister der Tafelrunde zu: Boonmees verstorbene Frau und ein großer Affengeist, der vielleicht einmal Boonmees Sohn war. Episoden sind eingestreut, das Märchen einer Prinzessin etwa, die sich in der Spiegelfläche eines Teichs als alte Frau sieht. Ein Wels will das nicht glauben wollen und lockt die Prinzessin für eine Runde stürmischen Oralsex ins Wasser. Zu Beginn des Films bricht ein Wasserbüffel aus, beobachtet von einem der Affengeister, die lediglich als schwarze Schemen im Dunkel des Dschungels durch ihre beiden stechend roten Augen sichtbar sind und die uns im Film immer wieder begegnen. Diese erzählerischen Ausflüge, auch das Finale wird sich als solcher entpuppen, will man als Zuschauer in der gedanklichen Gesamtnachschau des Films verorten wollen. War der Fisch oder die Prinzessin eine frühere Inkarnation von Boonmee, eine der titelgebenden Erinnerungen? Vielleicht. Diese und eine Legion weiterer Fragen werden sich stellen. Und unbeantwortet bleiben.

Wie in Tropical Malady werden einzelne Erzählungen einander gegenüber gestellt und jeder Versuch, eine sinnstiftende Verbindung zu schaffen, verlangt größere interpretatorische Anstrengungen. Schon immer forderte Weerasethakul durch seine mit breiten Pinselstrichen geführten Erzählstrukturen den Zuschauer zu einem tieferen Sinnieren über das Erzählen in Bildern insgesamt heraus. Eine besondere Wichtigkeit für das Gelingen dieser Bildwelten hat insbesondere in Uncle Boonmee die kongeniale Tonspur, die einige Sequenzen mit einem orgiastisch-düsteren, wabernden, unheilsschwangeren, aber gleichzeitig sehr dezentem Score zu einem beängstigenden Erlebnis der mystischen Art macht. Eine echte Geistergeschichte eben. Gleichzeitig bietet der Film aber auch einige humorvolle Momente, manchmal auch aufgrund der surrealistischen Wildheit einiger Szenen. Eine Sequenz aus Standfotos mit der Verhaftung und Domestizierung eines Affengeistes durch das Militär als Beispiel. Wie beiläufig ist der Haupthandlungsstrang ganz selbstverständlich eine der hoffnungsvollsten und schönsten Filmerzählungen vom Sterben.

Uncle Boonmee ist der zugänglichste Film des immer noch jungen Regisseurs. Die formale Brachialität eines Blissfully Yours, ein filmischer Definitionsversuch des Begriffs »Sperrigkeit«, hat er abgelegt. Und das ist gut so. Denn Weerasethakul schafft es hier mit wesentlich einnehmenderen, gereifteren Mitteln, den Zuschauer genauso in seine ihm eigene Filmwelt zu entführen. Auch wenn Uncle Boonmee verstärkt neue Elemente einbettet (persönliche Bezüge, offene Kinozitate, oder das multimediale Kunstprojekt »Primitive«, von dem dieser Kinofilm ein Teil ist) verwässert dies Weerasethakuls originäre Filmkunstwelt nicht, sondern bereichert sie und macht sie auch für ein größeres Publikum zugänglich. Der Regisseur drohte zuvor endgültig einer dieser Filmemacher zu werden, die von der Kritik mit Lobeshymnen verprügelt werden, um nie ein Publikum zu finden. Uncle Boonmee könnte ein Wendepunkt für diese Entwicklung sein. Weerasethakul ist erwachsen geworden. 2010-09-30 15:15

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