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The Town – Stadt ohne Gnade

The Town. USA 2010. R,B: Ben Affleck. B: Peter Craig, Aaron Stockard. K: Robert Elswit. S: Dylan Tichenor. M: David Buckley, Harry Gregson-Williams. P: Warner Bros. Pictures, GK Films, Thunder Road Pictures. D: Ben Affleck, Rebecca Hall, Jon Hamm, Jeremy Renner, Blake Lively, Slaine, Owen Burke, Titus Welliver u.a.
123 Min. Warner ab 23.9.10

Die neue Sachlichkeit beim Bankraub

Von Robert Cherkowski Unter den Leinwandgangstern ist der Bankräuber im Gegensatz zum Schutzgelderpresser, dem Zuhälter, dem Glücksspieler oder dem düsteren Engel des Todes, dem Killer, immer noch der am härtesten ackernde Zeitgenosse. Zwar macht er in geringer Zeit das meiste Geld, doch sind lange Planung und sowohl körperliche Anstrengung als auch psychischer Druck bei seiner kriminellen Profession an der Tagesordnung. Auf der faulen Haut liegt er jedenfalls nicht. Auch muß er Tugenden wie Pünktlichkeit und Verläßlichkeit seinen Partnern gegenüber an den Tag legen. All das hat ihm die Achtung und die Sympathie des Publikums eingebracht. Besonders in Zeiten der Bankenkrisen und der gewissenlosen Veruntreuung im großen Stile fliegen dem bewaffneten Arbeiter die Herzen nur so zu; fragte sich doch schon Brecht, ob das Ausrauben oder die Gründung einer Bank das größere Verbrechen sei. Besonders Regisseur Michael Mann hat sich in die »Working Men des kriminellen Broterwerbs« verschossen und widmete ihnen mit Public Enemies und dem modernen Klassiker Heat Filme, die ihrem verbrecherischen Treiben hohe Kinoweihen einbrachten.

An der Bankraub-Oper mit Robert De Niro und Al Pacino nahm sich auch Ben Affleck bei seiner zweiten Regiearbeit The Town nach dem hochgelobten Gone Baby Gone ein explizites Beispiel. Hier wie dort sind unsere Helden kalt berechnende Profis – Malocher, denen jeder Glamour abgeht. Schon das äußere Auftreten der Antihelden aus The Town entlarvt sie als Proletarier. Sie sind Kinder des Bostoner Stadtteils Charlestown, einem irisch bevölkerten urbanen Ghetto, aus dem oft nur ein krimineller Weg herausführt. In Trainingsjacken und mit kurzgeschorenen Haaren sind sie unschwer als Männer des Volkes erkennbar, die für die exzentrischen Gebärden eines Marlon Brando oder eines Jack Nicholson nichts übrig haben.

Doug (Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Affleck), Jem (Jeremy Renner, The Hurt Locker) und ihre Gang sind abgebrühte Profis im Berufszweig des Bankraubes. Ihre Brüche gehen schnell und brutal vonstatten und sie beherrschen die Regeln des Spiels aus dem Effeff. Bei einem ihrer Jobs jedoch müssen sie die Regeln ein wenig weiten. Sie sind gezwungen, eine Geisel zu nehmen. Zwar lassen die maskierten Profis die Bankmanagerin Claire (Rebecca Hall, Vicky Christina Barcelona) schnell wieder laufen, doch herrscht in der Gruppe Uneinigkeit, wie mit der potentiellen Zeugin umzugehen sei. Doug beschließt, ihr unmaskiert und somit unerkannt auf den Zahn zu fühlen. Was anfangs als eine rein professionelle Vorsichtsmaßnahme gedacht war, entwickelt sich jedoch zu einer Liaison. So will es das Genre und auch als Zuschauer ist man gewollt, auf vertrauten Pfaden zu wandeln, wenn die Motivationen der Protagonisten so kompetent geschildert werden wie in The Town. Sowohl Doug als auch Claire sind von ihrem Milieu gebrandmarkt. Beide tragen familiäre Altlasten mit sich herum, doch während Claire ihren Dämonen entkommen konnte, steht Doug unentrinnbar im Schatten von gleich zwei kriminellen Vaterfiguren, denen er zu entfliehen versucht. Der Entschluß, sowohl der Stadt als auch den kriminellen Weggefährten den Rücken zu kehren, ist schnell gefaßt, doch muß – so will es das Genre – noch ein letzter Job erledigt werden und ein bleihaltiger Showdown die Fronten klären und Klarheit schaffen.

Wahrlich originell ist das nicht, doch dafür punktet Affleck mit altmodischen Tugenden. Selten in diesem Jahr durfte man einer so unaufgeregten Erzählhaltung beiwohnen. In klar abgesteckten Akten gibt Affleck die alte Fabel vom lokalen Ausbruch aus einem determinierenden Milieu und von der schmerzhaften Emanzipation vom schuldbelasteten Patriarchat. Die Gelassenheit des Autoren Affleck, das Rad nicht neu erfinden zu müssen, gibt dem Regisseur Affleck Raum für eine stilsichere Handschrift bei seiner Inszenierung. Auf diesem gesunden Nährboden kann sich auch der nicht unumstrittene Schauspieler Affleck behaupten, der dem Image des blassen Beaus langsam aber stetig entwächst und sich beachtlich schlägt als verstohlener Melancholiker. Vom Rest des prominent besetzten Ensembles ganz zu schweigen: So empfiehlt sich Rebecca Hall ein weiteres Mal für größere Rollen und Jeremy Renner verfeinert seine oscarnominierte Darstellung des Adrenalin-Junkies aus Kathryn Bigelows The Hurt Locker. Pete Postlethwaite schafft es, in geringer Screentime einen hassenswerten Antagonisten zu entwerfen und die Fernsehgesichter Jon Hamm (Mad Men) und Titus Welliver (Lost) glänzen als grandios unsympathische FBI-Ermittler. Da sich Affleck viel Zeit nimmt, sein Figurenkabinett zu etablieren und aufspielen zu lassen, gerät dann auch der erdig inszenierte, actionreiche Schlußakt zu einer packenden Großtat.

Mit The Town ist Ben Affleck ein Kleinod gelungen, daß sich bei keiner modischen Strömung anbiedert, nicht mit verbissenem Stilwillen aufwartet, keine forcierten Twists aus dem Hut zaubert und sich durch nichts hervortun möchte, als durch seine erzählerischen und darstellerischen Qualitäten. Genau diese Konzentration auf das Wesentliche muß jedoch als eine der spektakulärsten Coups des ausklingenden Kinosommers wahrgenommen werden. 2010-09-29 12:53
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