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Hochzeitspolka

D/PL 2010. R,B: Lars Jessen. B: Ingo Haeb, Przemyslaw Nowakowski. K: Marcus Kanter, Michael Tötter. S: Sebastian Schultz. M: Jakob Ilja. P: Pandora Filmproduktions GmbH, STI Studio Filmowe (PL). D: Christian Ulmen, Katarzyna Maciag, Fabian Hinrichs, Waldemar Kobus, Lucas Gregorowicz, Jens Münchow, Alexandra Schalaudek, Klaudiusz Kaufmann u.a.
98 Min. X Verleih ab 30.9.10

Ein wildes Schland

Von Daniel Bickermann Es beginnt mit drei hinreißend bissigen Szenen, die erstmal alles in Trümmer hauen. Zuerst hintergeht der Protagonist seinen besten Kumpel, ohne mit der Wimper zu zucken, um einen Posten als Geschäftsführer zu kriegen. Dann erfahren die Eltern, daß besagter Posten in Polen ist, und der Vater flüstert mit perfekter 1950er-Jahre-Pseudobildungsstimme: »Im Grunde ist das ein wildes Land.« Und dann haben wir die zweifelhafte Ehre, einem extra importierten Indianerscout dabei zuzusehen, wie er den polnischen Grenzern die Fährten der illegalen Einwanderer aufspüren helfen soll, schließlich ist man jetzt die letzte östliche Bastion der EU gegen – mindestens – die Tartaren.

Der Rest des Plots setzt dann einige Jahre später ein, um das Schicksal des deutschen Geschäftsführers an der noch immer gewöhnungsbedürftigen Arbeitsstelle zu zeigen, um die Möglichkeit einer deutsch-polnischen Verbindung in Form einer Hochzeit zu überprüfen und, natürlich, um den Protagonisten von seiner zugleich ehrlicheren, aber auch unendlich peinlicheren Vergangenheit in der Lüneburger Heide einholen zu lassen.

Man kennt solche Sujets seit Alexander von Humboldt, oder spätestens seit Karl May: Ein Deutscher bricht auf, um die unzivilisierten Erdteile zu erkunden und vor allem zu »befreunden«. Diesmal ist es ausgerechnet Christian Ulmen, der als prototypischer Germane stellvertretend für uns Daheimgebliebene die Welt erforscht, hier die polnischen Nachbarn im Fernen und Wilden Osten. Ulmen ist mangels Wandelbarkeit noch immer kein Schauspieler im eigentlich Sinne des Wortes – und noch immer hat ihm niemand das Overacting ausgetrieben, er reagiert auf jede Pointe größer als Oliver Hardy persönlich – aber zu seiner Ehrenrettung: Er hat verstanden, daß es bei der Interpretation dieser Rolle weniger auf Innovation als auf Wiederentdeckung von Tradition ankommt: das Doppelkinn, das Theo-Lingen-Stottern, die Hallervorder-Gedenkmimik, das übertriebene Zurückzucken vor dem weiblichen Körper – einen derart deutschen Michel hat man seit den 1970ern nicht mehr gesehen. Sein Name, Frieder Schulz, sagt schon, daß wir in diesem Charakter nicht gerade charakterliche Subtilitäten erwarte sollten. Er könnte genausogut Fred Jederman heißen. Immerhin gibt es kleinere Aktualisierungen, das neue Michel-Modell ist gewissermaßen eine Schland-Variante – unter dem drögen Business-Anzug wartet neuerdings nämlich das AC/DC-T-Shirt. Sonst ändert sich nix.

Wie schon Lars Jessens gelungene Nostalgie-Komödie Der Tag als Bobby Ewing starb in die Vergangenheit wanderte, um die Gegenwart zu beschreiben, so geht Hochzeitspolka ins Ausland, um die Tiefen der deutschen Seele zu erforschen. Auch dies gelingt mit einigen hintersinnigen historischen Anspielungen und Klischee-Umdrehungen, wenn Brandts Kniefall nachgestellt wird oder die deutschen Einwanderer ein polnisches Auto klauen. Auf einer Meta-Ebene erkennt man selbst finsterste deutsche Alpträume wieder, nur daß »Ich hatte nur Küchendienst im Krieg, von der Judensache habe ich nichts mitgekriegt« sich verändert hat zu »Ich bin ein respektabler Europäer und würde niemals eure Arbeitsplätze vernichten und/oder in die Ukraine verlegen«. Anstatt der Kriegsvergangenheit wird die neue Generation nur von den früheren Rockbandkollegen heimgesucht – immerhin.

Woran also liegt es, daß, obwohl der Film doch offensichtlich zum Nachdenken angeregt und komplexe Botschaften vermittelt hat, man trotzdem – wenn auch nur milde – enttäuscht ist von Hochzeitspolka? Es liegt an dem eigentlich anvisierten Genre: Hochzeitspolka will unmißverständlich eine Komödie sein und zieht auch entsprechend vom Leder. Man muß dafür dann doch auf manches Klischee, wie die Stripperin beim Junggesellenabschied, zurückgreifen. Aber solche und ähnliche Situationen entwickeln keine echte Komik, die Pointendichte bleibt einfach zu spärlich. Es ist nicht so, daß viele Witze in die Hose gehen würden, es gibt nur eindeutig zu wenige davon. Für ernstere Momente wiederum fehlt das echte Drama oder die Figurentiefe (wie gesagt: Frieder Schulz). Ganze Szenen verstreichen so ohne echte Zuspitzung in Pointen oder Erkenntnissen, ganze Teile des Films verschwinden daher sofort wieder aus dem Gedächtnis, und im Rückblick wirkt das ganze denn leider eher dünn. Jessen und sein Drehbuchautor Ingo Haeb, mit dem er nach Der Tag als Bobby Ewing starb erneut zusammenarbeitet, versuchen, die Völkerverständigung als turbulentes Festival der Mißverständnisse, im Zweifelsfall unter Alkoholeinfluß, zu predigen – solange man nur gemeinsam lacht, kann es nicht so schlimm sein. Und solange ein Übersetzer vor Ort ist, der schamlos lügt. Das wäre eine charmante Message, nur leider ist sie mit zu wenig Gusto vorgetragen. 2010-09-29 11:47

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