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Der letzte Exorzismus

The Last Exorcism. USA 2010. R: Daniel Stamm. B: Huck Botko, Andrew Gurland. K: Zoltan Honti. M: Nathan Barr. P: Louisiana Media Productions, Strike Entertainment, StudioCanal. D: Patrick Fabian, Ashley Bell, Iris Bahr, Louis Herthum, Caleb Landry Jones, Tony Bentley, John Wright jr., Shanna Forrestall u.a.
86 Min. Kinowelt ab 30.9.10

Wer zuletzt lacht, ist der Teufel

Von Matthias Wannhoff Das letzte wirkliche Wunder unserer Zeit besteht darin, daß es immer noch Kirchen gibt. In vollem Ernst über den Teufel und Dämonen fabulieren darf man heute im Grunde nur noch in Film und Literatur – und im Vatikan, wo auch unter Papst Benedikt XVI. noch munter Exorzisten ausgebildet werden. Erst in dem Moment, wo auch die letzte Kirche ihre Pforte geschlossen hat und das Irrationale aus dieser Welt verbannt ist, wird sich unsere sogenannte Wissensgesellschaft endlich »aufgeklärt« nennen dürfen. Oder sollte es am Ende doch etwas geben, das die Vorstellungskraft über…

Gedankenspiele dieser Art treiben nicht nur den Religionswissenschaftler um, sondern sind auch narrative Triebfeder für die allermeisten Horrorfilme: In eine Welt der Naturgesetze hinein, in der, wie Heraklit meinte, »alles fließt«, spuckt die Hölle eine Ausgeburt der Unvernunft, die das Weltbild der streng logisch denkenden Protagonisten erschüttert und ihnen eine grausame, zuweilen blutige Lektion erteilt. Diese Formel gilt auch für Der letzte Exorzismus, wird von Daniel Stamms Film jedoch auf eine raffinierte, da selbstreflexive Weise umgeformt.

Cotton Marcus, die Hauptfigur, verdient seine Brötchen als Exorzist, doch die vermeintlichen Teufelsaustreibungen des Pfarrers sind nichts als Schwindel: Mit Kunstnebel und satanischem Gebrüll aus der Konserve ist Marcus ein Meister der Spezialeffekte, also ein Menschenfischer ganz im Sinne der Horrorfilm-Industrie selbst. Da ihn das schlechte Gewissen plagt, will er bei seinem letzten Einsatz den Hokuspokus per Video-Dokumentation offenlegen; jenes pseudo-authentische Material liefert auch die Bilder für Stamms Film. Der Geistliche macht sich auf den Weg in die tiefste amerikanische Provinz, wo ein Landwirt meint, seine pubertierende Tochter sei vom Teufel besessen. Soweit, so dumm – doch Marcus und seine beiden Begleiter bekommen bald den Verdacht, daß der Vater mit seiner Diagnose recht haben könnte.

Horrorfilme suchen die Verstörung immer dort, wo sich der Zuschauer auf der sicheren Seite wähnt; doch erst der Trend des »Doku-Horrors«, dem auch Der letzte Exorzismus angehört, machte daraus ein ästhetisches Prinzip: Denn wenn das Geschehen wie in Blair Witch Project oder [REC] über den Anstrich des scheinbar »Authentischen« verfügt und der gewohnten Hollywood-Patina entbehrt, rückt das Grauen in gefährliche Nähe zur Lebenswirklichkeit des Betrachters. Das Bestechende an Stamms Film ist, daß er dieses Faktum letztlich auf sich selbst zurückwirft, denn Reverend Marcus ist ja ebenfalls ein Verkäufer des gefälschten Grauens. Der Clou, daß ihn schließlich der Teufel höchstpersönlich aufsucht, kann als Antwort verstanden werden, nicht bloß auf die hämische Hybris eines Scharlatans, sondern auch auf eine Welt, in der die Beschäftigung mit dem Übersinnlichen nunmehr zu Unterhaltungszwecken erfolgt. Das Jenseitige in populären Kunstformen abzuhandeln – was im Fall des Horrorfilms ja nichts anderes heißt, als sich munter über das alttestamentarische Bilderverbot hinwegzusetzen –, bedeutet für den Menschen ja auch, es unter Kontrolle zu glauben. Der letzte Exorzismus geht dagegen von dem Fall aus, daß ein kulturelles Verdrängungsmanöver an der bloßen Transzendenz seiner Referenz scheitert.

Das Aufeinandertreffen von Schein und Sein, Logos und Mythos verantwortet auch den Zwiespalt im Tonfall des Films: Die Momente, in denen Reverend Marcus süffisant die Manipulationstechniken offenbart, mit denen er seine Schäfchen einzulullen pflegt, sind bisweilen schreiend komisch; sein Kampf gegen die satanischen Eskapaden im Haus dagegen türmen sich, insbesondere durch ein enorm wirkungsvolles Sounddesign, zum somatischsten Schauer-Event des Jahres auf. Das Finale ist so fies wie seine Moral: Wer zuletzt lacht, ist der Teufel, nicht die Vernunft. In einer solchen Welt ist Daniel Stamm der böse Stiefbruder von Joseph Ratzinger. 2010-09-29 16:57
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