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Shahada

D 2009. R,B: Burhan Qurbani. B: Ole Giec. K: Yoshi Heimrath. S: Simon Blasi. M: Daniel Sus. P: bittersuess pictures, Filmakademie Baden-Württemberg. D: Maryam Zaree, Jeremias Acheampong, Carlo Ljubek, Marija Skaricic, Sergej Moya, Vedat Erincin, Anne Ratte-Polle, Nora Abdel-Maksoud u.a.
88 Min. 3 Rosen ab 30.9.10

Die unglaublichen Abenteuer der Gläubigen

Von Ekaterina Vassilieva Es gibt Filme, für die man sehr schwer ein Zielpublikum imaginieren kann. Das Presseheft teilt fürsorglich mit, daß es in Shahada um »deutsche Moslems« geht. Aber wer tatsächlich die versprochenen »Einblicke in die muslimische Alltagswelt in Deutschland« wünscht, ist mit Burhans Qurbanis Diplomarbeit schlecht beraten. Denn der Film entfernt sich denkbar weit von jeder Realität, indem er seine Protagonisten in die vakuumartige Videoclipästhetik hineinkatapultiert, die keine psychologischen Zwischentöne kennt und wo nichts im Verborgenen geschieht, sondern für jeden Stimmungswechsel immer ein möglichst eingängiges visuelles Äquivalent gefunden werden muß. Da begleitet Maryam ihre Freundin in einen Nachtclub, wo beide ausgelassen tanzen. In der nächsten Szene sehen wir sie schon auf der Toilette: Sie hat gerade eine (gewollte) Fehlgeburt erlitten, durch die illegal besorgten Abtreibungspillen initiiert, die sie vorhin fast unbekümmert geschluckt hat. Von diesem Moment an ist nichts mehr so wie es einmal war, sondern eben ganz umgekehrt: Die furchtbaren Blutungen und Schmerzen, die auf die Abtreibung folgen, interpretiert Maryam, wie durch eine plötzliche Eingebung, als Strafe Gottes. Jetzt ist natürlich kein Club, sondern Moschee angesagt, wo Maryam ihr Trauma nicht etwa im Stillen verarbeitet, sondern ihren Vater, einen muslimischen Geistlichen, und seine Freunde mit beinah prophetischem Eifer zum echten Glauben ermahnt, der ihnen im Zuge der Westernisierung abhanden gekommen sei. Der Zuschauer weigert sich aber intuitiv, diesen prompten Persönlichkeitswandel ernst zu nehmen. Und zu Recht: Was durch die physiologischen Ursachen hervorgerufen worden ist, kann auch auf medizinischem Wege wieder austherapiert werden. Schade nur, daß Maryams Vater den Gesundheitszustand seiner Tochter so spät bemerkt, sonst blieben ihr Schmerzen und uns ihr Leidensweg erspart.

Die zweite Geschichte, die in diesen episodenartig aufgebauten Film hineingewoben ist, erzählt vom jungen Nigerianer Samir, der mit seiner Mutter in einem Großmarkt arbeitet. Als er den gleichaltrigen Kollegen Daniel eines Tages mit zum Religionsunterricht in die Moschee nimmt und dieser sich dabei sehr interessiert zeigt, darf der Zuschauer für kurze Zeit rätseln, was den Deutschen, der von anderen muslimischen Jugendlichen aufgrund seiner Homosexualität verspottet wird, wohl so unvermittelt zur Beschäftigung mit fremdem Glauben führt. Bald wird jedoch alles erschöpfend aufgeklärt: Daniel hat sich in Samir verliebt, und seine Gefühle bleiben nicht unerwidert. Für die innere Zerrissenheit, die jetzt den gläubigen Samir plagt, findet der Regisseur die einfachsten aller möglichen Bilder: Vom leidenschaftlichen Kuss bis zur Verleugnung des Geliebten und physischer Aggression.

Etwas raffinierter geht es in den Episoden um den türkisch-stämmigen Polizisten Ismail zu, der bei einer Razzia im Großhandel – einem der Schauplätze, an dem sich alle Geschichten kreuzen – eine bosnische Frau namens Leyla ohne gültige Papiere laufen läßt, mit der ihn offenbar ein dunkles Geheimnis verbindet. Zunächst darf man dahinter eine traumatische Liebesgeschichte vermuten, zumal Ismails Frau, der er alles beichtet, über diese Begegnung sehr besorgt ist und den Familienfrieden dadurch gefährdet sieht. Da die Protagonisten von Shahada nicht ohne dramatische Gesten leiden können, packt Ismail bald darauf seine Sachen und geht zu Leyla, was unsere Vermutung zu bestätigen scheint. Doch dann erweist sich alles ganz anders…

Am Ende jedenfalls sind alle Geheimnisse gelüftet und man fragt sich, was wir daraus gelernt haben. Die spirituelle Suche, die vom Titel in Aussicht gestellt wird (Shahada ist das Glaubensbekenntnis – die erste Säule des Islam), bleibt eine Behauptung, die die drei scheinbar beliebig ausgewählten Geschichten nicht einlösen. Die kühlen, durchgestylten Bilder entbehren zwar nicht eines gewissen visuellen Reizes, aber die Handlung ist zu bedrückend, um sich von Shahada unterhalten zu lassen. So kehren wir wieder zur Frage nach dem Zielpublikum zurück, das möglicherweise den Gefallen an diesem Film finden könnte. 2010-09-27 15:10
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