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Gregs Tagebuch – Von Idioten umzingelt!

Diary of a Whimpy Kid. USA 2010. R: Thor Freudenthal. B: Jackie Filgo, Jeff Filgo, Gabe Sachs, Jeff Judah. K: Jack N. Green. S: Wendy Greene Bricmont. M: Theodore Shapiro. P: Color Force, Dayday Films, Dune Entertainment III. D: Zachary Gordon, Robert Capron, Rachael Harris, Steve Zahn, Devon Bostick, Chloë Grace Moretz, Grayson Russell, Connor Fielding u.a.
94 Min. Fox ab 16.9.10

Das kleine Arschloch

Von Nils Bothmann »Wenn du schon kein Vorbild sein kannst, so sei wenigstens ein abschreckendes Beispiel.« – so lautet eine ironische Postkartenweisheit. Greg, die Hauptfigur von Gregs Tagebuch, würde sich selbst klar in erstere Kategorie einsortieren, gehört aber de facto zu letzterem Personenkreis, so wenig er das wahrhaben will. Er wird in der Schule untergebuttert, schon an der rituellen Geste zu erkennen, daß man ihn in der Mittagspause an keinem Tisch duldet. Doch Greg glaubt fest daran auf Platz 19 der schulinternen Beliebtheitsskala zu stehen und möchte nun den ersten Platz ergattern, wie das Voice Over ebenso großmütig wie großkotzig mitteilt. Auf dem Weg dahin kennt er keine Freunde, vor allem seinen besten Freund Rowley nicht, den er für zu uncool hält, dem er es gar mißgönnt beliebt zu sein.

Bei der Gegenüberstellung von Gregs Selbstwahrnehmung im Off-Kommentar und seiner Lebenswirklichkeit, welche die Bilder von Gregs Tagebuch zeigen, tun sich große Diskrepanzen auf. Je weiter der Film fortschreitet, desto größer werden die Unterschiede, je verzweifelter Greg versucht beliebt zu sein, desto weiter rutscht seine Popularität in den Keller. Zwischendurch hat man beinahe das Gefühl die konsequenteste Fremdschamstudie seit Maren Ades Der Wald vor lauter Bäumen zu sehen, denn hier wie dort darf man den Protagonisten dabei zuschauen, wie sie sich immer tiefer ins Unglück reiten.

Im Falle von Gregs Tagebuch ist jedoch die Frage berechtigt, inwieweit eine derartige Haltung beabsichtigt ist. Immerhin ist Greg aus den illustrierten »Diary of a Wimpy Kid«-Büchern aus der Feder von Jeff Kinney eine nicht unbeliebte Figur aus dem Kinderbuchmarkt, obwohl Kinney ihm ganz bewußt auch negative Attribute andichtete, während es schwerfällt, Sympathien für den großmäulig-ignoranten Protagonisten der Filmversion aufzubauen. Im Gegensatz zur Referendarin Melanie Pröschle aus Ades Film ist ihm allerdings ein Happy End vergönnt, sobald er gegen Ende des Films seine Fehlleistungen einsieht – das Kino als moralische Anstalt für Schulkinder, die den Leiden des jungen Greg beiwohnen dürfen und daraus ihre Konsequenzen ziehen sollen.

Leider findet Freudentals Adaption keinen kohärenten Ton zwischen beißender Fremdscham und infantilen Pinkelwitzen, zwischen einer Anprangerung des Kastensystems, das an amerikanischen Highschools vorherrscht, und comichafter Überzeichnung. Ganz im Sinne letzterer Eigenschaft blendet Gregs Tagebuch immer wieder Zeichentricksequenzen ein, welche die Illustrationen aus Kinneys Buchvorlagen in bewegte Bilder umsetzen. Solche ungewöhnlichen und durchaus kreativen Momente erfassen das Potential, das in Gregs Tagebuch steckt, welches der Film aber nie ausnutzt. So beschreibt der deutsche Untertitel »Von Idioten umzingelt« ein Gefühl, das man als Erwachsener zu gut kennt: Am Arbeitsplatz, in der Universität oder an der Supermarktkasse mag man manchmal glauben, wirklich nur von ebenjenem Menschenschlag umgeben zu sein. Doch Freudenthals Film verpaßt solche Anknüpfungspunkte ans volljährige Publikum und versteht sich als reiner Kinderfilm, der viele seiner Akteure schlicht und einfach verschenkt. Gerade die wunderbare Chloe Moretz, seit Kick-Ass gerade im Aufwind, als altkluge Mentorin Gregs (deren Ratschläge er selbstverständlich ignoriert) kommt bei ihren rar gesäten Auftritten kaum zum Zuge, der talentierte Komiker Steve Zahn wird als Gregs Vater für »Hach wie lustig, ich habe Wasser über euch geschüttet«-Gags verschwendet. Als Neuentdeckung hingegen darf Robert Capron in der Rolle Rowleys gelten, der es auf erfrischende Weise schafft sich von den üblichen »Dicker Junge«-Klischees frei zu spielen.

Letzten Endes fällt es als Erwachsener schwer zu sagen, wie Gregs Tagebuch auf das anvisierte Kinderpublikum wirkt, und inwieweit dieses mit der teilweise bemerkenswert unsympathischen Hauptfigur umgehen kann. Das mag ein mutiges Wagnis oder eine krasse Fehlleistung des Films sein, doch egal wie man Gregs Tagebuch nun deuten mag: Man wird das Gefühl nicht los, daß er viel Potential verschenkt. 2010-09-13 18:42

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