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Die Taube auf dem Dach

DDR/D 1973-2009. R,B: Iris Gusner. B: Regine Kühn. K: Roland Gräf, Jürgen Lenz. S: Helga Krause. M: Gerhard Rosenfeld. P: Deutsche Film (DEFA). D: Heidemarie Wenzel, Günter Naumann, Andreas Gripp, Wolfgang Greese, Herbert Köfer, Christian Steyer, Annalene Hischer, Erika Koellinger u.a.
82 Min. defa-spektrum ab 9.9.10

Luftschlösser im Aufbau

Von Ekaterina Vassilieva Unvergeßlich sind die Bilder einer startenden Rakete, die im Pornoklassiker Deep Throat die ultimative Befriedigung eines gemeinsamen Orgasmus symbolisch visualisieren. Die dokumentarischen Aufnahmen des Raketenstarts sind auch im fast zeitgleich entstandenen DDR-Drama Die Taube auf dem Dach unter Regie von Iris Gusner eine Schlüsselmetapher. In die Anfangssequenz eingebaut, verweisen sie, ähnlich wie in Deep Throat, auf eine Utopie, die jedoch, anders als im Pornouniversum, weitgehend unerfüllt bleibt.

Wir befinden uns in der DDR der frühen 1970er Jahre, einem nach Modernität strebenden, ehrgeizigen Land, das seinen Bürgern viele Gelegenheiten gibt, sich eine hoffnungsvolle Zukunft zu erträumen. Doch bis dahin wird daran nur fleißig gebaut, deshalb müssen die kühnen Visionen, einschließlich der Bezwingung des Weltalls, vorerst zur Seite geschoben werden, um Platz für Bagger, Planierraupen und Baukräne zu machen. Die Helden von Gusner arbeiten und leben auf einer Baustelle. Dieser Übergangszustand wird für sie vermutlich auch ewig andauern, denn sobald die Arbeiten an einem Abschnitt abgeschlossen sind, müssen die Bauleute weiterziehen und immer neue Plattensiedlungen errichten. Die Zukunft will eben gut vorbereitet sein. Aber ist der Zugang zum erfüllten Sein tatsächlich nur über die mühevolle (Bau-)Arbeit möglich? Schließlich ist der Kosmos, den einer der Protagonisten auf der Himmelkarte in seine Baracke holt, allgegenwärtig, auch wenn man technisch im Moment noch nicht soweit ist, ihn zu befahren. Die Natur, die das Bauteam systematisch verdrängt, transformiert, unterwirft, aber gerade deshalb in einem engen Verhältnis zu ihr steht, ist ein sinnlicher Ausdruck dieses kosmischen Versprechens, in dem sich eine andere, an keine Modernisierungsmaßnahmen gebundene Realität mitteilt. Die Sehnsucht nach authentischeren Lebensentwürfen schwingt auch in den wehmütigen Heimatliedern mit, die der Arbeiter aus Südasien auf seinem Recorder anhört, sowie im Blick der Bauleiterin, den sie im Puppenmuseum über das Modell eines archaischen Haushaltes schweifen läßt.

Die wichtigsten Quellen, aus denen man die Fülle des Lebens auch ohne technische Vermittlung schöpfen kann, sind natürlich Liebe und körperliche Zuneigung. Aber gerade damit hat die hübsche Bauleiterin Linda ihre Probleme, denn sie muß sich zwischen zwei Verehrern entscheiden – jeder auf seine Art attraktiv und einzigartig. Zum einen ist es der Student Daniel, für den die Baustelle nur eine Zwischenstation ist und dessen Gedankenhorizont die ganze Welt, ja das ganze Universum miteinbezieht. Sein Rivale ist der Bauveteran Hans Böwe, dem seine Brigade längst zur Familie geworden ist und der sich kein Leben außerhalb des Baubetriebs vorstellen kann. Der etwas sprunghafte Schnitt, der laut der Regisseurin zumindest teileweise als Ergebnis der von der DDR-Zensur geforderten Korrekturen zu entschuldigen ist, erweist sich in der Tat als hervorragend geeignet, die Hin- und Hergerissenheit der Hauptheldin wiederzugeben. Indem die narrativen Verknüpfungen zwischen den Szenen auf ein Minimum reduziert sind und vieles ausgeblendet wird, fühlt man sich der von Widersprüchen geprägten Wahrnehmung von Linda nähergebracht. So bleibt bis zur letzten Szene alles offen und undurchschaubar, wie eben auf einer Baustelle, wo man als Außenstehender die Zwischenschritte, die zum Ergebnis führen, nicht immer sofort nachvollziehen kann.

Die Tatsache, daß Die Taube auf dem Dach erst 37 Jahre nach seiner Fertigstellung in die Kinos kommt, läßt schon auf eine bewegte Geschichte schließen. Der Film war zu seiner Zeit nicht nur verboten, sondern das gesamte Filmmaterial zur Vernichtung bestimmt. Übrig blieb nur eine farbige Arbeitskopie, die man später allerdings nur in Schwarzweiß rekonstruieren konnte. Hier fehlt bewußt ein »leider«, denn die aktuelle Version braucht anscheinend auch keine Farbe. Das asketische Schwarzweiß wirkt wie ein Kunstgriff, läßt die zeitliche Distanz spürbar werden und hebt sie gleichzeitig durch ästhetische Perfektion wieder auf. Aus DDR-Arbeitern aus Fleisch und Blut werden Ikonen, die in ihrer gespenstischen Immaterialität kein Verblassen mehr kennen. 2010-09-06 11:30
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