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Zwischen uns das Paradies

Na putu. BIH/D/A/HR 2009. R,B: Jasmila Zbanic. K: Christine A. Maier. S: Niki Mossböck. M: Brano Jakubovic. P: Pandora Filmproduktions GmbH, Coop99 Film, Deblokada Film (BA), Ziva (HR). D: Zrinka Cvitesic, Leon Lucev, Ermin Bravo, Mirjana Karanovic, Marija Köhn, Nina Violic, Sebastijan Cavazza, Jasna Ornela Bery u.a.
103 Min. Neue Visionen ab 2.9.10

Verschiebung

Von Arezou Khoschnam Religiöser Fanatismus genießt heutzutage eine Aktualität, die kaum zu überbieten ist: als ideologische Gesinnung, als Ursache für ideologisches Handeln und schließlich als Aufhänger und Erklärungsentwurf für Schreckensnachrichten in allen möglichen Medienkanälen. Deshalb verwundert es nicht weiter, daß unsere Fähigkeit des assoziativen Denkens dem mittlerweile überbenutzten Begriff reflexartig den Islam als Gleichung zugrundelegt. Funktionieren wir doch alle als audiovisuelle Medien unserer Gesellschaft.

In Jasmila Žbanićs zweitem Spielfilm Zwischen uns das Paradies, in dem die Religion und ihre fundamentalen Auswüchse eine zentrale Rolle spielen, ist es – man ist angesichts der allgegenwärtigen Präsenz kaum verwundert – der Islam, auf den die Wahl der Jungregisseurin fällt. In einem Kommentar zum Presseheft begründet sie diese inhaltliche Entscheidung damit, daß der Islam »die organisierte Religion ist, mit der ich am engsten vertraut bin.« Dramaturgisch gesehen ist das gewissermaßen fatal, denn so nimmt sie der Liebesgeschichte, die sie im Grunde erzählen will, einen Teil der Aufmerksamkeit, die ihr als Ganzes gebühren sollte.

Luna und Amar sind ein junges, glückliches Paar mit guten Jobs. Allein ihr bislang unerfüllter Kinderwunsch scheint sie vom absoluten Glück zu trennen. Žbanić macht ihre emotionale Verbundenheit über die Leinwand hinweg für den Zuschauer regelrecht spürbar. Die Kamera kommt den Figuren physisch so nahe, daß man meint, mit dem Ausstrecken der eigenen Hand würde man ihre Gesichter berühren können. Erste Wolken ziehen über das Paradies, als Amar immer häufiger zu trinken beginnt und dadurch seine Stelle als Fluglotse verliert. Seine Zerrissenheit bekommt er erst wieder in den Griff, als er einen alten Freund wiedertrifft, mit dem er einst im jugoslawischen Bürgerkrieg gedient hatte. Der streng gläubige Moslem bietet Amar eine Stelle in einem Wahabiten-Camp an, die dieser euphorisch annimmt. Mit Amars Fortgang jedoch erhält die scheinbar unangreifbare Beziehung zwischen ihm und Luna tiefe Risse.

Die Veränderungen beginnen damit, daß sie ihn telefonisch plötzlich nicht mehr erreichen kann. Dabei markiert das Handy als modernes Kommunikationsmittel einen Gegensatz zwischen dem westlichen Individuum und der islamischen Gemeinschaft, die sich hier fernab der Stadt einen friedlichen Rückzugspunkt sucht. Schon in der Eingangsszene, in der Luna das Spiegelbild ihres aufgeblähten Bauches – als Ausdruck ihrer Sehnsucht nach einem Kind – mit dem Handy fotographiert, fungiert dieses als erweitertes Wahrnehmungsorgan. Bereits hier offenbart sich Žbanićs subtiler Regiestil: Mit langen Einstellungen, die dem Risiko der Ödnis erfolgreich trotzen und sich bei (teilweise) gleichzeitigem Verzicht auf musikalische Begleitung auf das Wesentliche konzentrieren, wird der Zuschauer wie selbstverständlich in die Privatsphäre der Figuren hineingezogen und zu einem Teil ihrer Welt.

Eine ebenso intensive Bildsprache hat Jasmila Žbanić bereits in ihrem zutiefst berührenden Spiefilmdebüt Esmas Geheimnis entwickelt, das 2006 zurecht den Goldenen Bären auf der Berlinale gewonnen hatte. Vor dem Hintergrund des Bürgerkrieges, der in den jeweiligen Figuren tiefe Wunden hinterlassen hat, handeln beide Filme von dem »Danach« und dem Umgang mit den Folgen.

Luna und Amar führen zwar eine stabile Beziehung. Sie kann jedoch nicht in allen Belangen des Lebens Sicherheit spenden. Amar ist auf der Suche nach etwas, das die Leere in ihm füllen soll. Eine Leere, deren Ursprung sein Kriegstrauma ist. Diese Verbindung deutet der Film nur an. Dabei hätte ein hartnäckigeres Hinterfragen der Ursache einen stärkeren Gegenpol bedeutet zum unvermeidlichen Interesse des Zuschauers an der »Islamisierung Amars«. Denn auch Luna kämpft innerlich mit den Erinnerungen, da der Krieg sie einst aus ihrem Geburtshaus vertrieben hatte.

Amar ist überzeugt, in der Religion die Lösung für all seine Probleme gefunden zu haben. Anders als Luna, die die religiöse Neugesinnung ihres Mannes beim besten Willen nicht nachvollziehen kann. Ihr Kampf um ihr altes Leben und die damit verbundene Sicherheit, und um die Liebe zu ihrem Mann ist eine Fortsetzung des Kampfes gegen den Krieg, der zwar seit fast 20 Jahren vorbei, aber noch lange nicht vergessen ist.

Luna verkörpert den kritischen Blick des Westens auf den Islam, der in ihren Augen zu ihrem Gegner wird. Hier wird der Islam nicht wie mittlerweile in den Medien mit Gewalt und Terror gleichgesetzt. Es ist der dogmatische Einfluß dieser Religion auf das Privatleben des Individuums, dem sich Luna mit aller Macht entziehen möchte.

Der Islam dient Žbanić lediglich als Mittel zum Zweck für eine Geschichte über ein liebendes Paar, das am religiösen Wandel des Mannes zu zerbrechen droht. Man kann der Regisseurin keineswegs unterstellen, den Islam als Blickfang für ihren Film zu mißbrauchen. Andererseits wäre gerade ein wenig Strategie zugunsten der Geschichte ratsam gewesen, um in der Konsequenz eine Religion zu wählen, die derzeit nicht Dauergast in der Presse ist. Nichtsdestotrotz ist Zwischen uns das Paradies ein einfühlsamer Film, der ganz in der Erzähltradition seines umjubelten Vorgängers steht – religiöser Wermutstropfen hin oder her. 2010-09-01 13:06
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