— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Enter the Void

F/D/I 2009. R,B,S: Gaspar Noé. K: Benoît Debie. S: Mac Boucrot, Jerome Pesnel. M: Thomas Bangalter. P: Essential Filmproduktion, Fidélité Films, Wild Bunch, Bim Distribuzione. D: Nathaniel Brown, Paz de la Huerta, Cyril Roy, Emily Alyn Lind, Jesse Kuhn, Olly Alexander, Masato Tanno, Cary Hayes u.a.
162 Min. Wild Bunch ab 26.8.10

Vergewaltigungsfantasien

Von Werner Busch Du liest diese Kritik. Du liest eine andere. Du siehst dir den Trailer oder Bilder an. Du beschließt, dir Enter the Void anzusehen. Du findest ein Kino, das den Film zeigt. Du verabredest dich, du telefonierst. Du wartest an der Kinokasse. Du bezahlst die Kinokarte. Du bezahlst die Getränke oder vielleicht auch die Nachos mit der Käserotze. Du mußt einen Platz wählen und dich setzen. Du wartest, schon wieder. Du wartest lange. Endlich geht das Licht aus.

Es ist schon eine unglaubliche Vorleistung, die man als Zuschauer erbringt. Zeit und Geld und geistige Arbeit sind geflossen. Wer das alles investiert hat, bleibt auch gerne sitzen. Man will sich dem Ergebnis seiner Mühen hingeben. Dieser Ergebenheit des Zuschauers in der samtigen Schwärze des Vorführraums ist sich Gaspar Noé zweifelsohne sehr bewußt. Von der allerersten Sekunde an läßt Enter the Void keinen Zweifel daran, daß uns hier jemand von der Leinwand aus anspringen will, uns durch Bilder und Ton besinnungslos stoßen möchte, bis sich die Leinwand zwischen uns und dem Film auflöst und wir aus dem Kino auf wackeligen Beinen hinauswanken. Und wir werden uns gegen diesen Angriff nicht wehren. Es war zu viel Mühe, erst dahin zu kommen.

Lars von Trier nannte sich in einem seiner Manifeste (es gibt einige mehr als nur »Dogma 95«) »der wahre Onanist der Leinwand«. Nach Noés neuem Film müßte er sich diesen Titel erst wieder zurückerobern, denn einen größeren, leinwandfüllenderen erigierten Penis als hier, der in Metergröße auf uns zustößt, als wolle er die Leinwand deflorieren… Nein, das hat man in der gesamten Kinogeschichte von 1893 bis 2009 noch nicht gesehen. Daß der Penis lediglich CGI ist, sei dahingestellt. Es ist eigentlich beruhigend.

»Beruhigen« will Enter the Void aber zweifellos nicht, der Film beginnt mit einem weiteren wunderbaren Vorspann aus dem Hause Noé, der zu treibenden Elektro-Beats (erneut vom großartigen Thomas Bangalter (Daft Punk)) wild flackernde Dutzendschaften an verschiedensten Typographien wie ein wildgewordenes Bilder-Maschinengewehr auf den Zuschauer abfeuert. Würde man jedes wilde und mitunter physisch schmerzhafte stroboskopische Flackern der Bilder – sie werden den gesamten Film über immer wieder vorbeischauen – als einen Schnitt begreifen, dann hat Enter the Void vermutlich mehr Schnitte als – sagen wir – das isländische Kino insgesamt, bis zum Ende der Welt.

Dabei ist Enter the Void erzählerisch ein Film ohne Schnitt. Nach dem Vorspann sind wir im Kopf unseres Protagonisten und werden diesen mehr als 150 Minuten lang nicht mehr verlassen. Das heißt: Doch, wir werden den »Kopf« des Protagonisten verlassen. Schon nach wenigen Minuten steckt sich der junge Oscar – ein zielloser Typ wie du und ich, der zufällig gerade in Tokio rumgammelt – ein Pfeifchen an, nimmt einige Züge und schließt die Augen. Wieder die Schwärze. Ganz langsam und zaghaft beginnen bunte Farben sich aus der Düsternis zu schälen, organische Formen in pulsierenden Neonfarben entfalten sich vor uns und driften an uns vorbei, wie wir in sie hinein. Bis schließlich das verluderte kleine Zimmer wieder da ist und wir zusammen mit Oscar auf ihn selbst hinabblicken. Ähnliches widerfährt uns erneut, als unser Held einige Filmminuten später auf einer widerlichen Club-Toilette erschossen wird. Wir verlassen den Körper, die Kamera ist unser Blick, ist sein Blick, ist seine Seele, mit der wir uns nun auf den Weg in das Reich des Todes machen. Stationen aus Oscars Leben, Stationen der Nacht, Geburt, Tod und Wiedergeburt. Eine ganz wilde Reise…

Technisch ist das alles großartig umgesetzt. Neben der herausragenden Kameraarbeit von Benoît Debie, der schon Irreversible zu einem einmaligen Erlebnis machte, wissen hier auch insbesondere die unzähligen digitalen Effekte zu überzeugen, sei es, um Schnitte zu kaschieren, oder um uns über die Häuserdächer tief in den neondurchfluteten Nachthimmel über Tokio zu treiben. Oder um uns von einer Realitätsebene in die nächste zu führen, oder gleich hinein in ein pulsierendes, waberndes Nirwana… Es ist kaum vorstellbar, wie eine solch fantastische Bilderflut mit gerade einmal 12 Millionen Euro zustande kam. Die zwei Jahre Postproduktion versteht man hingegen sehr gut, hier wohnt man äußerst wirkungsvoller, handwerklicher Perfektion bei.

Visuell ist Enter the Void ein einziges Spektakel. Lange schauen wir direkt durch die Augen des Protagonisten, der Klang seiner Stimme ist verfremdet wie die eigene durch unsere Schädeldecke, jedes Zwinkern nimmt uns für eine Millisekunde die Sicht. Dann die Stationen aus Oscars Leben, in denen die Kamera hinter den Schultern des Protagonisten bleibt, von der ersten Person in die dritte und in die zweite und wieder zurück. Alles getaucht in grelle Neonfarben, Tokio transformiert sich wirkungsreich in das Land des Todes, man hat selten etwas gesehen, daß so direkt und vehement, technisch modern und gleichzeitig anachronistisch, durch die Wiederbelebung der Mittel des psychedelischen Kinos der 1960er, auf uns wirken wollte. Erzählerisch und in seinen Bildern ist Enter the Void blankes Pathos.

Wegen seiner filmkünstlerisch herausragenden Opulenz, genossen in technischer Großartigkeit, möchte man dem Regisseur klingelnde Ohrfeigen ins Gesicht geben, daß er die Sache mit der Filmerzählung nicht besser umgesetzt hat. Während der langen Nachbearbeitungsphase von Enter the Void muß zahllosen Beteiligten, wenn auch nicht Noé zwingenderweise selbst, aufgefallen sein, daß der Film über eine lange Phase, viele, viele Minuten, schlichtweg hängt. Hinter diesem schönen Begriff aus der Editorensprache, »der Film hängt«, verbirgt sich das einzig ernsthafte Manko dieses Bildermeisterwerks. Wenn Oscars Seele – und wir mit ihm – durch die Vergangenheit treibt, dann stürzt sich unser Blick – Oscars Seele und wir mit ihm – in eine Lichtquelle oder anderes Sinnstiftendes hinein. Das kündigt sich im Ton und der Kamerabewegung an, der Raum verzerrt sich, Auftritt: CGI, und langsam und immer schneller werdend stürzen wir hinein in eine andere Realität. Von der Ankündigung dieser Transformation bis zum Ankommen dauert es wohl eine gute halbe Minute, manchmal länger. Diese Zeit, wie auch die große Gesamtlaufzeit, ist legitim und vielleicht sogar nötig, aber wenn wir diese Transformation irgendwann zum zwanzigsten Mal sehen, nur für eine weitere kurze Spielszene, dann ist das selbst für den begeisterten Zuschauer irgendwann schlichtweg ermüdend und man erinnert sich an einen anderen Begriff aus der Kunstgeschichte der 1960er Jahre: »Form fucks function«.

Das ist wirklich ärgerlich. Und dennoch will man diesem wildgewordenen Konzeptversuch zur Sprengung der Leinwand nicht böse sein. Ganz zum Schluß von Irreversible sahen wir ein Poster von Stanley Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum über dem Schlafzimmerbett unserer Protagonisten hängen. Die atemberaubenste Sequenz aus diesem Meisterwerk, die Passage, die Farbwelten, durch die Bowman zu seiner Unendlichkeit fliegt, die hat Noé in einen phasenweise wirklich atemberaubenden, abendfüllenden Spielfilm verwandelt. Die unerbittliche Vehemenz, die schiere Aggressivität, mit der er die Willfährigkeit des Publikums im Kinosaal benutzt, muß dennoch auch weiterhin mit freundlicher Skepsis beobachtet werden.

Sie haben diese Kritik zu Ende gelesen. Danke. Sie lesen eine andere. Sie sehen sich den Trailer oder Bilder an. Sie beschließen, sich Enter the Void anzusehen. Sie finden ein Kino, das den Film zeigt. Sie verabreden sich, sie telefonieren. Sie warten an der Kinokasse. Sie bezahlen die Kinokarte. Sie kaufen Getränke oder vielleicht auch die Nachos mit der Käserotze. Sie wählen einen Platz und setzen sich. Sie warten, schon wieder. Sie warten lange. Endlich geht das Licht aus. Betreten Sie die Leere! 2010-08-26 17:40
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