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Defamation

A/DK/IL/USA 2008. R,B,K: Yoav Shamir. S: Morten Højbjerg. M: Mischa Krausz. P: Knut Ogris Films.
93 Min. RealFiction ab 26.8.10

Zur Kritik an der Gegnerschaft der Ablehnung

Von Sven Lohmann Als Yoav Shamir vor sieben Jahren den Dokumentarfilm Checkpoint über das israelische Militär drehte, warf ihm ein US-amerikanischer Journalist Antisemitismus vor. Shamir war darüber zunächst eher belustigt als empört: Wie konnte man just ihn, einen israelischen Juden, des Antisemitismus verdächtigen? Shamir verfolgte dann aber diese Frage, und sie führte ihn zu seinem neuesten Film, Defamation: Hier will er untersuchen, wie Juden mit Antisemitismus umgehen – und schlußendlich auch, welche Funktion er für eine »jüdische Identität« haben kann.

Theodor Herzl, einer der Erfinder des Zionismus, hatte in seinem Buch »Der Judenstaat« die Gründung Israels als Schutz vor der Judenfeindlichkeit postuliert, die vor allem in Europa grassierte. Judenfeindliche Stimmung war für ihn zu seiner Zeit – Ende des 19. Jahrhunderts und also in der Hochphase der europäischen Nationalismuswelle – ein Reflex auf die vermeintliche Heimatlosigkeit des jüdischen Volkes, und die Lösung dafür also in Anpassung an Europas Entwicklung ein jüdischer Nationalstaat. Seit über sechzig Jahren ist Herzls Traum nun wahr – und trotz allem steht Judenfeindlichkeit nach wie vor zur Debatte. Shamir zieht los und befragt Juden, die es wissen müssen, zur Lage der Dinge.

Die Antworten fallen denkbar unterschiedlich aus. Für den Journalisten Noah Klinger ist prinzipiell jeder ein Antisemit: »Manche sind nur lauter als andere.« Der Historiker Norman Finkelstein dagegen ist der Meinung, Antisemitismus werde von eigens dazu abgestellten Organen systematisch herbeigeredet, um bei Juden Paranoia zu schüren und Kritik an der reaktionären israelischen Politik abzutun. Dieses Problem begegnet in Defamation denn auch dem Soziologen David Hirsch, als er an einer Konferenz gegen Antisemitismus teilnimmt: Er löst dort Stürme der Entrüstung aus, weil er es gewagt hatte, auf die Situation der Menschen im Gaza-Streifen und im Westjordanland aufmerksam zu machen. Shamir besucht Abraham Foxman, den Vorsitzenden der Anti-Defamation-League, in New York und begleitet ihn bei seinen Dienstreisen, und er dokumentiert die Reise einer israelischen Jugendgruppe nach Auschwitz als eine Art Initiationsritus, der die Allgegenwart von Antisemitismus bewußt machen soll.

So wird Defamation ein Panoptikum streitbarer Sichtweisen und Denkansätze; das ernste und komplexe Thema behandelt Shamir dabei kontrastiv mit beinahe respektloser Beschwingtheit. Sein flapsiger Stil des naiv nachfragenden Ironikers muß hierzulande an Michael Moore erinnern: Defamation ist nur eben kein Film von US-Amerikanern über US-Amerikaner für US-Amerikaner, sondern ein Film von Juden über Juden für Juden. Vielleicht ist er deshalb wesentlich geschmackvoller. Für den deutschen Zuschauer ist Defamation womöglich ungewöhlich unverblümt und zunächst irritierend darin, daß er sich auf die Innenperspektive des Judentums und gerade Israels beschränkt. In Israel und im englischen Sprachraum ist »Antisemitismus« der Oberbegriff für egal wie motivierte Judenfeindlichkeit; Shamir entwirrt daher etwa nicht den Begriffsalat, der sich speziell im deutschen Sprachraum um das Wortfeld »Antisemitismus« angerichtet hat; das sieht er gar nicht als seine Aufgabe an. Es geht ihm vielmehr um die Funktion von Antisemitismus für das jüdische Selbstverständnis, um das Phänomen Antisemitismus im kulturellen Bewußtsein des gegenwärtigen Judentums. Man mag Shamir genau das als Verharmlosung vorwerfen: Er läßt den wirren Rassismus eines Horst Mahler ebenso außenvor wie Schweine und Affen im arabischen Fernsehen; auch sind die völlig unterschiedlichen Ursachen oder die historische Dimension von Judenfeindlichkeit nicht sein Interesse. Shamir will sich ausschließlich an die eigene Nase fassen und verfolgt – dafür mit Hartnäckigkeit – seine Frage, ob mit dem heutigen Kampf gegen Antisemitismus eigentlich allen Juden gedient ist, oder nur dem rechten politischen Interessenlager. »Wozu brauche ich Antisemitismus?«, weist denn auch in der Tat ein Rabbi Shamirs Frage zurück, »Ich habe doch Gott.« 2010-08-25 17:33
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