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Der kleine Nick

Le petit Nicolas. F 2009. R,B: Laurent Tirard. B: Grégoire Vigneron. K: Denis Rouden. S: Valérie Deseine. M: Klaus Badelt. P: Fidélité Films. D: Valérie Lemercier, Kad Merad, Maxime Godart, Sandrine Kiberlain, François-Xavier Demaison, Michel Duchaussoy, Daniel Prévost, Michel Galabru u.a.
91 Min. Wild Bunch ab 26.8.10

Terrible!

Von Natália Wiedmann »Terrible!« kommentieren die einen wie die anderen; bloß meinen die einen »schrecklich« mit konträren Begründungen, und die anderen schließen sich dem Wortgebrauch des kleinen Nick an: »Prima!« Er hat seine Schwächen, wenn man darüber nachzudenken beginnt, aber das beginnt man frühestens in den enttäuschenden letzten Minuten des Films. Davor übersieht man wohlwollend, denn die locker verbundenen Episoden um Grundschüler Nick und seine Freunde amüsieren mit einer Vielzahl charmanter Szenen. Statt als blasse Folien komischen Könnens Erwachsener zu fungieren, dürfen selbst die wunderbar gecasteten Kinderschauspieler ihr Talent unter Beweis stellen – allen voran der hinreißende Victor Carles alias Klassenschwächster Chlodwig. So unmotiviert auch die Szene selbst ist – seine bekümmerte Reaktion auf einen Rorschachtest ist eines der komödiantischen Glanzlichter des Films.

Wenn dann einige Episoden später der Schulaufseher wortlos Chlodwigs Strafarbeit übernimmt oder le Papa de Nicolas die Formulierung einer Dankeskarte (im Namen des Sohnes) zu einer Sprosse der Karriereleiter zu schleifen versucht, wird die Komik gar selbstreflexiv, erweist der literarischen Vorlage ihre Reminiszenz. Denn obgleich Goscinny die Alltagserlebnisse des kleinen Nick aus dessen (Erzähl-)Perspektive schildert, ist der erwachsene Autor doch stets im Text präsent. So ist es oft genug die Diskrepanz der Interpretationen von Ich-Erzähler und den Lesenden, aus der sich der Witz der Texte speist; eine Diskrepanz, die sich wiederum dem Umstand verdankt, daß dieses fiktive Kind – in psychologischer Hinsicht zumindest – mitnichten einem realen Siebenjährigen nachempfunden, sondern vielmehr menschgewordene Naivität ist, ganz in der Tradition der Vorstellungen von kindlicher Unschuld. So gilt schon für die Vorlage, was man der Adaption je nach Haltung zuschreiben oder vorwerfen kann: Erst den Erwachsenen erschließen sich alle Spielarten des Humors. Ein wenig schade, daß der Film deren Adressierung noch verstärkt, indem er den erwachsenen Figuren einen eigenen Erzählstrang gibt (die Bemühungen der Eltern, eine Gehaltserhöhung für den Vater zu erwirken), der mit dem Erzählstrang um Nicks Geschwisterkindprophylaxe kaum verbunden ist, wodurch nicht zuletzt komisches Potential verspielt wird.

Verprellt werden die jüngeren Zuschauer aber durchaus nicht: Sicher werden sie den fröhlichen Grundton sowie die verständliche Handlung mögen, den größten Spaß bereiten ihnen aber die wohldosierten Slapstickeinlagen. Drôlement chouette, diese Familienkomödie, deren nostalgisches Gewand manchmal überraschend makabre Einsprengsel aufweist, kurz: terrible! 2010-08-23 10:49

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