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Salt

USA 2010. R: Phillip Noyce. B: Kurt Wimmer, Brian Helgeland. K: Robert Elswit. S: John Gilroy, Stuart Baird. M: James Newton Howard. P: Columbia Pictures, Di Bonaventura Pictures. D: Angelina Jolie, Liev Schreiber, Chiwetel Ejiofor, Daniel Olbrychski, Andre Braugher, August Diehl, Daniel Pearce, Hunt Block u.a.
100 Min. Sony Pictures ab 19.8.10

Cold War Kids

Von Christian Simon Mit dem Ende des Kalten Krieges sind dem US-amerikanischen Spionagefilm jene beliebten, wichtigen Gegenspieler verloren gegangen, die von der ernstzunehmenden Bedrohung über den abzuknallenden Pappaufsteller bis hin zum parodierten Taugenichts jede erdenkliche Filminkarnation erfahren durften – die KGB-Agenten. Doch wo sind sie gewesen, die letzten zwanzig Jahre, was haben die einstigen Lieblingsfeinde amerikanischer Geheimdienste so getrieben? Und, nicht unwichtig für Phillip Noyce' vorliegenden Agententhriller, der seine Hauptfigur im losen Spannungsfeld von KGB, CIA, James Bond und Lara Croft zu verorten sucht: Wer ist eigentlich Salt?

Evelyn Salt, erwartungsgemäß souverän verkörpert von Angelina Jolie, ist eine CIA-Agentin erster Güte. Doch als der russische Spion Orlov (Daniel Olbrychski) auftaucht und sie Minority Report-mäßig als zukünftige Mörderin des russischen Staatsoberhauptes enttarnt, ist Evelyn Salt eine CIA-Agentin erster Güte auf der Flucht. Und wenn die vermeintliche russische Schläferin erst einmal loszieht, um ihre Unschuld zu beweisen und ihren Ehemann Mike (August Diehl) zu retten, geht natürlich einiges zu Bruch. Gebäude, Fahrzeuge, Menschenleben.

Immer mal wieder sorgt das Drehbuch von Kurt Wimmer durch eingestreute Backstory-Bausteine für expositorisches Füllmaterial, um wenigstens ein Minimum an Fleisch auf das Knochengerüst von Haupthandlung (und Hauptfigur) zu dichten. Doch scheint Wimmer, der seit Ultraviolet den Regiestühlen fern bleibt und seine Arbeit aufs Schreiben verlegt, hier einmal mehr der Auffassung erlegen, ein straffes Erzähltempo kompensiere inhaltliche Luftlöcher und entschädige für dramaturgische Albernheiten. Atemlos wechseln sich Verfolgungsjagden mit Explosionen ab und Explosionen mit Verfolgungsjagden. Es gibt Schwindelerregendes, es gibt Maskengetarntes, es gibt Gebasteltes, was dann explodiert (die entsprechenden cineastischen Vorbilder erschließen sich recht bald). Daß sich Salt nicht weiter mit einer nachvollziehbaren Erzähllogik aufhält, versteht sich im effektorientierten Kosmos dieses CIA-KGB-Märchens irgendwie von selbst. So ist der erste Plot-Twist noch eine recht gute Idee – alle weiteren leider nicht. Geweckte Hoffnungen auf einen unkonventionellen Handlungsverlauf werden alsbald zugunsten von Schutt und Asche auf wann anders verschoben.

Salt ist ein Film ohne jeden Subtext. Thematisch scheint man sich den großen Spionagesujets Liebe und Verrat zu widmen, doch sind sie hier nicht mehr als zügig zu passierende Slalom-Tore rasanter Verfolgungsjagden. Die Dringlichkeit der Ereignisse resultiert zwar oftmals in hastiger Kameraarbeit, die entsprechenden Wackelkameratricks bewegen sich aber stets in einem magenschonenden Rahmen. Zu einem Gutteil ist es Phillip Noyce' geradliniger, weitgehend stimmiger Inszenierung zu verdanken, daß Angelina Jolies rastlose Reise zumindest eines nicht ist: langweilig. Salt ist – und diesen Satz könnte man ruhig mal auf DVD-Cover drucken – zwar reichlich doof, aber unterhaltsam. Letztlich ringt das Spiel mit den Gut-Böse-Schablonen um die widerspruchsfreie Identität einer Superfrau, die so mühelos durch die Reihen der Geheimdienste wandert, wie sie Häuserwände und Fahrstuhlschächte erklimmt. Um also die einleitende Frage, welche auch prominent das Filmposter ziert, abschließend zu klären. Wer ist Evelyn Salt? Nun, sie ist James Bond, sie ist Lara Croft, sie ist Ethan Hunt. Und Evelyn Salt ist jemand, der anstatt der Kostümjacke lieber das Spitzenhöschen auszieht, um die Sicht einer Überwachungskamera zu verdecken. Auch der Kalte Krieg ist nicht mehr das, was er mal war. 2010-08-16 14:25
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