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Das letzte Schweigen

D 2009. R,B: Baran bo Odar. K: Nikolaus Summerer. S: Robert Rzesacz. M: Kris Steininger. P: cine plus - Media Service, lüthje schneider hörl | FILM. D: Ulrich Thomsen, Wotan Wilke Möhring, Katrin Saß, Burghart Klaußner, Sebastian Blomberg, Karoline Eichhorn, Roeland Wiesnekker, Claudia Michelsen u.a.
120 Min. NFP ab 19.8.10

Jenseits der Stille

Von Oliver Baumgarten Warmes Licht fällt auf das bald erntereife Kornfeld, die Hitze flimmert auf dem sandigen Feldweg, Grillen bezirpen den blauen Himmel: All das ergibt ein Bild, das einer perfekten Sommeridylle ziemlich nahekommt. Es ist das Bild, das sich Timo aus dem am Feldweg parkenden Auto heraus bietet, und er würde es so gerne genießen. Allein: Er müßte ein ganz wesentliches Detail in diesem Gesamtbild ausblenden. Ein Mädchenfahrrad zum Beispiel, das umgekippt am Feldrand liegt, die Schreie, die zu ihm durchdringen, und natürlich seinen Kumpel Peer, der sich im Kornfeld gerade brutal an einem Mädchen vergeht und es anschließend ermordet. Nein, ausblenden kann Timo das nicht. Aber vielleicht vergessen, irgendwann. Am besten gleich. Und so verläßt der Student keinen Tag später die Stadt, ändert seinen Namen und gründet eine Familie in der Fremde. Nach 23 Jahren erfolgreichen Vergessens schreckt ihn erst eine Nachricht im Fernsehen wieder auf: Eine Kinderleiche wurde gefunden. In einem Kornfeld. Genau wie damals.

Sympathien oder nicht: Die Figuren in Baran Bo Odars Langfilmdebüt Das letzte Schweigen unterscheiden sich in ihrem Leidensdruck nur unwesentlich voneinander. Verschorft und vernarbt, verletzt und gebrochen sind alle ihre Seelen, seien sie Polizisten oder friedliche Bürger, liebende Eltern oder brutale Kinderschänder. Das kleinstädtische Leben, das sie seit Jahren führen, scheint Angriff um Angriff auf ihr Dasein zu fechten und dadurch einen Druck aufzubauen, der jede Bewegung zur Anstrengung macht. Das letzte Schweigen verbreitet mit seinen gelähmten, hilflosen Figuren eine dumpfe, fast bedrohliche Atmosphäre, die besonders durch die Verwendung der herausragenden Musik pointiert unterstrichen wird. In wunderlichen »Air«-Sound gekleidet schwellen ätherische Melodien an und vereinen auf bizarre Weise die Schönheit der Bilder, die Traurigkeit der Figuren sowie die Widerwärtigkeit des Geschehens zu einem düster-hypnotischen Ganzen.

Das illustre Ensemble um Wotan Wilke Möhring, der seit Jahren so regelmäßig mit tollem Spiel überrascht, daß es langsam keine Überraschung mehr ist, um den Dänen Ulrich Thomsen, der seinen pädophilen Mörder erschreckend real werden läßt, um Sebastian Blomberg, der eingängig den reflektierten Depressiven gibt, und um Katrin Saß, deren trauernde Mutter als nahezu einzige Figur an Stärke zu gewinnen vermag – das ganze Ensemble also trägt bedeutend dazu bei, daß der Film nicht als bloßer Whodunnit, sondern in erster Linie als psychologische Studie fesselt. Und als solche ragt Das letzte Schweigen auch dank einer sehr persönlichen gestalterischen Handschrift deutlich heraus. 2010-08-16 10:10

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