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Ponyo – Das große Abenteuer am Meer

Gake no ue no Ponyo. J 2008. R,B,S: Hayao Miyazaki. K: Atsushi Okui. S: Takeshi Seyama. M: Joe Hisaishi. P: Studio Ghibli, Nihon Telebi, Dentsu, Hakuhodo DYMP u.a.
101 Min. Universum ab 16.9.10

Schwere See, mein Herz

Von Daniel Bickermann The lone foghorn blows. Ein alter Japaner wagt sich ans Meer. Gone Fishin'. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich der überzeugte Umweltaktivist Miyazaki, der Herr der Zeichentrick-Zauberwälder von Prinzessin Mononoke oder Nausicaä aus dem Tal der Winde, der Meister der japanischen Zaubermonster von Chihiros Reise ins Zauberland und Mein Nachbar Totoro, bis sich dieser größte Träumer des gegenwärtigen Kinos endlich auch mit dem Wasser und der Meereswelt auseinandersetzt. Die See ist dabei nur ein weiterer Wald für ihn, und die Bewohner nur weitere Monster, im besten Sinne. Bei niemandem passiert so viel auf einmal im Bild, niemand schafft einen derartigen Detailreichtum an Gekreuch und Gefleuch, und die ersten sechs Minuten, dialoglos und unter Wasser, wirken denn auch wie Findet Nemo als psychedelischer Fiebertraum: Leuchtquallen springen auf und tanzen durchs Bild, urzeitliche Krebse und Krabben kriechen durch den Hintergrund, während Joe Hisaishis Musik, mal wieder irgendwo zwischen japanischem Kinderlied, italienischer Arie und deutscher Oper changierend, uns in eine weitere Märchenwelt entführt. Jedes Tier und jede Pflanze hier ist beseelt, selbst die Schiffe und einzelne Wellen haben ein Gesicht und eine Meinung. Allen Dingen wohnt ein Geist inne. Auch dem Müll, der wieder überall zu finden ist, ein weiteres großes Thema des Mahners Miyazaki.

Der Unterwassermagier Fujimoto, der uns in diese Geschichte führt, ist eine der klassischen Miyazaki-Figuren: gleichzeitig sinister und gerecht, undurchschaubar und gütig, wie eine Naturgewalt an sich. Sein Plan zur Menschenvernichtung ist gedacht als Säuberung der Natur, seine Sorge um das kleine Goldfischmädchen Ponyo schwankt zwischen väterlicher Fürsorge und Gefangenhaltung. Parallel zu der halben Familie an Land, wo der kleine Menschenjunge Sosuke auf einem malerischen Haus an der Klippe von seiner Mutter Lisa umsorgt wird. Lisa ist eine klassische »fisherman's woman« mit den entsprechend langen Wartezeichen auf ihren Mann – mal schickt man Lichtsignale übers Meer zum Geliebten, mal verflucht man ihn und sein Seemannsleben. Neben den Parallelen zu Hans Christian Andersens »Die Kleine Meerjungfrau« ist es vor allem ein Film über das Zusammenleben der Generationen – der früher menschliche Magier, Fujimoto, der die kleine Ponyo für immer rein halten und beschützen möchte und sie damit unterdrückt; der kleine Sosuke, der nach der Schule im Altenheim vorbeischaut, in dem seine Mutter arbeitet, und sich dort eine Ersatzfamilie aus hinreißenden alten Damen gebaut hat. Am Ende werden die Alten wieder zu Kindern und die Jungen werden die weisesten von allen sein – Myazakis neuer Film ist nur an der Oberfläche diesmal eher etwas für die kleinen Zuschauer.

Dabei sollten die Erwachsenen sich seine Filme viel mehr zu Herzen nehmen als die vermeintlich adressierten Kinder: Wie der Vater in Mein Nachbar Totoro sofort akzeptiert, daß seine Töchter mit einem Waldgeist herumspielen, der offensichtlich gutmütig ist, genauso hat hier auch Lisa keine größeren Probleme, sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß der Goldfisch ihres Sohnes sich in ein magisches Mädchen verwandelt hat. Sie gesteht gerne ein, daß sie das nicht versteht, aber so richtig überrascht scheint sie auch nicht zu sein. Es ist diese Fähigkeit, bedingungslos an die Wunderwelt der Kinder zu glauben, die die Erwachsenen in Myazakis Filmen zu so wundervollen Figuren macht.

Dazu gehört natürlich auch eine gewisse kindliche Trotteligkeit auf Seiten der Erziehungsberechtigten, wenn beispielweise der große Magier Fujimoto durch sein elaboriertes Steampunk-Unterwasser-Universum wankt, das aussieht wie von Jules Verne auf Meskalin ausgedacht, an dem unverschlossenen Raum mit der Weltvernichtungsmaschine vorbeispaziert und pseudo-sinistre Sachen brummelt wie »Die Ära der Menschen wird zu Ende gehen – hm, ich sollte vielleicht irgendwann doch mal diese Tür reparieren…«

Und obwohl die Kinder hier genauso anpacken wie Erwachsene – der fünfjährige Sosuke steuert ein ausgewachsenes Boot, wie es sich für einen Seemannssohn gehört – ist es doch ihre Perspektive, die hier den Tonfall vorgibt. Vor allem Ponyo ist ein derart liebenswerter Wonneproppen, immer etwas entdeckend, immer staunend über diese Welt der Menschen – sie ist das ultimative Kind. Es sind diese magischen kleinen Entdeckungen, die diesen Film so unendlich zauberhaft machen: der Honig im Tee, der Geschmack einer Scheibe Schinken, oder die unglaublichen dreißig Sekunden, die sich Miyazaki Zeit nimmt, um das kleine Mädchen Ponyo dabei zu beobachten, wie sie zögerlich einen Generator anschaltet und dann über das Ergebnis strahlt und tanzt. 2010-09-10 11:00

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