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Die Liebe der Kinder

D 2009. R,B: Franz Müller. K: Christine A. Maier. S: Stefan Stabenow. P: 2Pilots Filmproduction. D: Marie-Lou Sellem, Àlex Brendemühl, Tim Hoffmann, Katharina Derr, Erik Goertz, Ingrid Kaltenegger, Andrea Hugo u.a.
84 Min. 2Pilots ab 26.8.10

Die Liebe der Erwachsenen

Von Karsten Rohrbeck Zwei Frauen, zwei Männer. Es könnte so einfach sein. Aber was ist schon einfach in der Liebe?

»Red' nicht mit bei Dingen, von denen Du nichts verstehst.« Diesen Satz mußten sich schon einige jüngere Generationen von der älteren anhören, wenn diese keine Worte mehr findet. Sätze wie dieser sind ein Ausdruck der eigenen Sprachunfähigkeit. Auch Maren, die so gerne liest und schreibt, verliert irgendwann ihre Sprachfähigkeit. »Red' nicht mit bei Dingen, von denen Du nichts verstehst«, entgegnet sie barsch ihrer Tochter und verhängt damit das Todesurteil über ihre Unterhaltung. Sie hatten über die Liebe gestritten. Über die Liebe der Eltern und über die Liebe der Kinder. Aber wer kennt sich schon richtig aus mit dieser Liebe? Die Alten oder die Jungen? Maren oder doch Mira? Marens neuer Freund Robert oder etwa dessen Sohn Daniel?

Und überhaupt, was ist schon Liebe? Ein Wort ohne Konsens. Ein Gefühl oder ein Zustand? Die große Explosion von Emotionen oder die Ruhe der Geborgenheit? Längst überholtes Werbeversprechen oder romantisch-verklärte Illusion? Die Jagd nach einem Traum oder der Pragmatismus jener, die ihn bereits verloren haben? Geschenk und Gabe oder Lebenskonzept des guten Handelns? Ehe, Moral, Familie? Ein und Alles oder »nur« ein Teil des Ganzen? Ist es etwas, das man »machen« kann, oder das zu einem kommen muß? Alle diese Fragen schlagen Franz Müller und seine Protagonisten an, die auch an andere Konstrukte der Sprache rühren. Was heißt es etwa, politisch zu sein, was bürgerlich, gebildet…

Für Maren scheint aber vor allem eines wichtig: wie viele dieser Fragen muß man positiv beantworten, damit man sich und dem anderen genügt. Die Einheit des Buches ist ihr Maß für all das. Sie will Autor ihres Lebens sein. Nicht nur in sich soll ihr Leben eine Ordnung haben. Es muß selbst noch neben andere eingeordnet werden können. Das Regal ist der große Bruder der Schubladen, in dem die Vielfalt hoffentlich zur Einheit wird. Robert scheint da näher am Leben und in gewisser Weise ehrlicher: »Etwas fehlt immer.« Jeder der beiden in den 40ern hat schon ein Leben gelebt, bringt eine ganz eigene Welt bereits mit. Paßt das zusammen? Während Robert sieht, was da ist, sucht Maren verzweifelt jenes Etwas, von dem sie glaubt, daß es fehle. Sie sucht es in sich, an Robert, in den Umständen ihres Zusammenkommens und im Zustand ihres Zusammenlebens. Es ist jenes Verlangen nach einem Mehr, von dem wir gar nicht wissen können, ob es das eigentlich gibt. Dieser Wunsch belastet und bedrängt das Selbst unaufhörlich, verlangt sein Weitermachen. Wie ein Aufklärungsversuch, der es wagt, noch die letzten Mysterien zu entzaubern. Zu guter Letzt ist es die schlicht elementare Frage nach den Bedingungen menschlichen Zusammenlebens, neben oder trotz bestehender Rollenklischees.

Das mit all dem verbundene Auf und Ab gestaltet Franz Müller beruhigend unspektakulär und lebensnah. Frische Liebe, verfrühte Entscheidungen für allzu schnelle Veränderungen, Alltag, Zweifel, all das klingt nach einem scheinbaren Kausalitätsprinzip, wie man es schon oft sah. Die Liebe der Kinder vermeidet diese allzu simple Logik. Das ist seine große Stärke. Wenn die Ereignisse auch linear verlaufen, so läßt uns Müller nur in Fragmenten am Leben der Figuren teilhaben. Statt auf einen kontinuierlichen Strom des Verfalls läßt er uns auf isolierte Momente der Vier blicken, die uns ausreichend Leerstellen für unser eigenes Miterleben lassen. So wird man sich auch deshalb wiederfinden können.

Obwohl insgesamt überspitzt gezeichnet, überzeugt auch das Protagonisten-Quartett in seiner Darstellung menschlicher Schwächen, natürlicher Sehnsüchte und sich wandelnder Werte. Letzten Endes erfahren auch sie (wir wissen nicht, ob sie es auch begreifen), daß alles eine Frage der Perspektive ist. Die Liebe der Kinder ist am Ende ein Film über diese verschiedenen Perspektiven. Es ist ein Film über die Liebe der Erwachsenen, über die Liebe der Städter, und einer über die Liebe der Frauen. Über die Liebe der Sprachmenschen und über die der Tatmenschen. Über die Liebe der Männer, der Seßhaften, der Suchenden, und über die Findenden, und vor allem ist es ein Film über jene Liebenden, die nicht nur eins von diesen sind. 2010-08-20 16:18
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