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Inception

USA/GB 2010. R,B: Christopher Nolan. K: Wally Pfister. S: Lee Smith. M: Hans Zimmer. P: Warner Bros. Pictures, Syncopy. D: Leonardo DiCaprio, Joseph Gordon-Levitt, Ellen Page, Tom Hardy, Ken Watanabe, Dileep Rao, Cillian Murphy, Tom Berenger u.a.
148 Min. Warner ab 29.7.10

All that we see or seem…

Von Werner Busch Ich fahre mit dem alten Traktor meines Vaters, den wir schon seit 15 Jahren nicht mehr besitzen, zu unserer alten Weide auf den Berg. Es ist ganz früher Morgen, nur wenige Minuten, bevor die Sonne hinter einem weit entfernten Wald aufgehen wird. Der Horizont ist dort in der Ferne bereits in bunten Flammen aufgegangen, der Himmel ist blau und wolkenlos, aber noch in einer gräulichen Düsternis befangen, wie die Landschaft um mich herum, im Schatten. Ein sanfter Nebelschleier liegt über den Wiesen und Wäldern, der in seinem schmutzigen Weiß noch das Dunkel und die Kälte der Nacht atmet. Ich fahre an einer Gruppe Rinder vorbei, die alle in eine Richtung schauen und sehr langsam, ganz traumversonnen, wiederkäuen. Zwischen ihnen der unbewegte Nebel über dem vom Tau nassen Gras. Auf dem Rücken von jedem Rind liegt ein strahlend weißes Schaf, jedes liegt in seiner Wolle wie in einem Bett und schläft mit friedlichem Gesicht. Ich fahre weiter und sehe auf dem Feldweg eine Gruppe von kleinen Katzen, die auf mich zugelaufen kommt, um mich und den neuen Tag zu begrüßen. Ich möchte für die kleinen Katzen nicht anhalten müssen und fahre über sie hinweg, das tut mir leid, ich habe Angst, sie verletzt zu haben. Ich halte an und steige ab. Mehrere Katzen liegen tot und zerquetscht im kalten Staub. Zu einer davon bücke ich mich hinunter, weil sie mit ihrem heilen Vorderkörper noch weiter freundlich auf mich zukriecht, während sie ihren Hinterleib, der vom Rad des Traktors zu einem blutigen Innereien-Fleischklumpen zermatscht wurde, hinter sich herzieht. Dann wachte ich auf.

»Während des Traums halten wir ihn für real. Erst wenn wir aufwachen, merken wir, daß er recht seltsam war.« Das sagt Dom Cobb (DiCaprio) gleich zu Beginn von Inception. Cobb ist ein gutaussehender Mann im Anzug, der vorzugsweise im Hubschrauber oder Privatjet die Welt von Chefetage zu Chefetage bereist, um seine Dienste im Bereich der Großkonzern-Spionage anzubieten. Diese gestaltet sich aber auf ganz besondere Art: In einem lustigen Koffer hat er ein technisches Spielzeug dabei, mit dem man in die Träume eines Schlafenden eindringen kann. Mehr noch: Mit einem Architekten kann er die Träume eines Menschen gestalten. Auch so, daß sie wie die Wirklichkeit aussehen. Während das Opfer sich nicht bewußt ist, sich in einem Traum zu befinden, entlocken Cobb und seine Mitstreiter dem Traum-Ich des Opfers milliardenschwere Informationen.

Obwohl das Wort »Traum« mitsamt seinen Derivaten weit öfter fällt als das Wort »fuck« in The Big Lebowski – auch eine Kunst – haben die Traumwelten von Inception längst nicht immer die betörende Fremdartigkeit echter Träume, und nie haben sie die Inkohärenz, die Sprünge, das wüste und persönliche Durcheinander der Bilder. Bei Inception befindet sich der Zuschauer in einer alternativen Realität, die unsere Lebenswirklichkeit nachbildet und die in diesem Falle ein Hochglanz-Action-Thriller ist. Da freut man sich über jeden Riß in der Matrix und über die heimlichen Möglichkeiten dieser alternativen Umgebung. Etwa wenn Cobbs neue Traum-Architektin erstmals ihre Fähigkeiten in Paris testet und die ganze Stadt buchstäblich auf den Kopf stellt, oder die Brücke Pont de Bir-Hakeim (die Brücke aus Der letzte Tango in Paris) mit zwei Spiegeln neu erschafft. Das sind nachhaltig wirkende, fantastische Bilder, auch in ihrer Umsetzung, wie man sie viel zu selten in den jüngsten Kinojahren gesehen hat. Auch eine extensive Kampfszene in einem Hotelflur, dessen Gravitation sich drehender- und kippenderweise immer wieder verändert, macht einen großen Eindruck. In diesen magischen Momenten lebt Inception in einer Art und Weise, wie das nur sehr wenige Filme tun, und wird sich damit nachhaltig im Kinogedächtnis verankern.

Zum ersten Mal beweist Regisseur, Autor und Produzent Christopher Nolan ein großes Gespür für die Erschaffung einmaliger Bildwelten. Sein enormes Talent als Autor hat er bereits mehrfach und eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Angefangen bei seinem No-Budget-Thriller Following und noch einmal gesteigert in seinem Meisterstück Memento, das durch seine sehr verschachtelte Struktur am ehesten mit Inception vergleichbar ist. In Memento fand diese Verschachtelung in der Horizontalen statt, auf einer linearen Zeitachse, die zerschnitten und neu montiert wurde. In Inception haben wir eine klare, lineare und ungebrochene Abfolge der Geschehnisse, aber der Film strebt hier über weite Strecken in die Vertikale. Er zeigt einen Traum, der in einem Traum, der in einem Traum, der in einem Traum und in der Realität gleichzeitig spielt. Und jede Traumebene hat außerdem ihr eigenes Zeitgefüge. Ein winziger Augenblick auf Traumebene 1 entspricht Minuten in Traumebene 2, Stunden in Traumebene 3 und Jahren auf Traumebene 4, grob vereinfachend gesprochen. Die Montage springt dem Finale zustrebend wild zwischen all diesen Ebenen hin und her. Und hier geschieht nun das eigentliche Wunder dieses Films: Das alles bleibt selbst für den nur halbwegs aufmerksamen Zuschauer stets nachvollziehbar, trotz der Komplexität kann jedermann dem groben Handlungsverlauf folgen.

Rückblickend ist dieser auch nicht allzu kompliziert und folgt außerdem dem klassischen Muster eines Heist-Movies: Ein erster Coup geht schief, eine neue Gaunerbande wird gesucht und rekrutiert, man plant einen neuen Diebstahl und der wird dann durchgezogen. Am Schluß sieht man, ob’s klappt. Ganz nach dem alten Rezept von Werner Herzog: »Sehen Sie alles in der Reihenfolge und beachten Sie das Ende.«

Frage: Was wäre Inception noch, wenn man ihm seine vertikale Struktur, die Verschachtelung der Realitätsebenen, nehmen würde? Wenn der Diebstahl in einem einfachen, materiell hergestellten Setup, wie etwa in Der Clou, stattfinden würde? Der Film müßte ohne die zuvor erwähnten, einzigartig-fantastischen Bildwelten auskommen, wäre aber wohl immer noch ein ziemlich spannender und in jedem Fall unterhaltsamer Heist-Movie mit einem schönen Cast, wäre ein aalglatter Ocean’s Eleven-Aufguß. Das ist Inception nicht. Seine erzählerischen Strukturspielereien machen ihn zusammen mit seinen imposanten Bildern und deren virtuoser Montage zu dem großen Film, der er ist. Spätestens durch die zusätzliche Wichtigkeit des Themas Zeit und dessen Visualisierung gewinnt der Film eine experimentelle Note. Wie der Sturz eines Lieferwagens von einer Brücke zu einem eine Stunde währenden Superzeitlupenereignis gemacht wird, zu dem immer mal wieder zurückgeschnitten wird, nein, das muß man schon gesehen haben. Einen zusätzlichen Arthouse-Charakter kann man in der inhaltlichen und formalen Verschränkung von Traum und Film finden. Vielfach spiegelt sich das Erleben der Film-Traumwandler im Erleben des Film-Zuschauers, Bezüge zwischen der Filmmontage und den Sprüngen in Träumen werden hergestellt und einiges mehr.

Inception wirkt durch seine Struktur. Der Plot tritt spätestens gen Finale, wenn die Realitätsebenen-Montage am herrlichsten wütet, weitestgehend zurück, dem Erleben nach. Erst wenn wir aufwachen, merken wir, daß es recht seltsam war. Ob bei diesem leicht zweifelnden Eindruck auch größere Logiklöcher im Plot mitgeholfen haben, wagt man nach einmaligem Sehen nicht beurteilen zu können. Auch wenn der Haupthandlungsfaden immer klar bleibt, genaue Detailfragen sind Schultermuskeltraining.

Problematisch für den Film bleibt das Science-Fiction-Element. Die Welt von Inception könnte die Unsere sein, das Hier, das Jetzt. Wäre da nicht die Traumapparatur im Koffer, die sich als sehr klassischer McGuffin entpuppt; auch wenn sporadisch einige wenige, erklärende Hintergrundinformationen zu der Wunderkiste gegeben werden. Dank der begeisternden Ergebnisse nimmt man diesen fragwürdigen Umstand aber gerne hin und möchte ihn als filmische Referenz goutieren.

Inception ist definitiv einer dieser wenigen Filme, der zu einer leidenschaftlichen Diskussion nach dem Kinobesuch zwingt, ein 160 Millionen Dollar teures Mirakulum mit großer Strahlwirkung und Wirkungsmächtigkeit. Auch weil er geteilte Meinungen evozieren wird. Ist der Film nur eine Genre-Oberfläche mit aufgepflanztem strukturellem Schnick-Schnack? Oder der intelligenteste und experimentellste Hollywood-Blockbuster der Dekade? Und für den Fan von amerikanischer Science-Fiction-Literatur der 1960er Jahre noch wichtiger: Hat Nolan die Grundidee des Films bei Philip K. Dicks »Ubik«-Roman abgeschaut? Auch wenn diese Fragen offen bleiben müssen, wäre selbst im Worst-Case, das man einem Scharlatan aufgesessen ist, immer noch festzustellen, daß auch dies nur eine Verschränkung von Traum und Film wäre. Was ist das Kino anderes als eine Maschine des Scheins? Oder: Is all that we see or seem but a dream within a dream? 2010-07-29 12:15

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