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Eclipse – Biss zum Abendrot

The Twilight Saga: Eclipse. USA 2010. R: David Slade. B: Melissa Rosenberg. K: Javier Aguirresarobe. S: Art Jones, Nancy Richardson. M: Howard Shore. P: Summit Entertainment, Imprint Entertainment. D: Kristen Stewart, Robert Pattinson, Taylor Lautner, Bryce Dallas Howard, Billy Burke, Dakota Fanning, Peter Facinelli, Elizabeth Reaser u.a.
124 Min. Concorde 15.7.10

Die Willkür des menschlichen Blutes

Von Kristina Schilke Wie schön hatte es angefangen. Man war voller Unschuld. Der erste Teil der Twilight-Saga – basierend auf den zugegeben simpel, jedoch nicht charmefrei geschriebenen Jugendbüchern der gläubigen Mormonin Stephenie Meyer – kam 2008 in die Kinos: Twilight. Darin verliebt sich die High School-Schülerin Bella Swan in den (eigentlich 108jährigen) Vampir Edward Cullon, der aber dank der hautschonenden Unsterblichkeit seiner Rasse wie ein vergleichsweise ungewöhnlich blasser Mädchenmagnet von 17 Jahren aussieht. Nach Irrungen und Wirrungen der jungen als auch jungfräulichen Liebe einigte man sich darauf, miteinander »ein langes und glückliches Leben« zu führen und Bella als Mensch mit himmelsleichter Seele zu belassen – es ist überhaupt sehr oft die Rede von der Seele und ihrer Rettung in Bellas und Verdammnis in Edwards Fall.

Nach einem Jahr lief der zweite Teil an: New Moon. Aufgrund des herzzerreißenden Aromas von Bellas Blut fiel es sowohl Edward als auch seiner Vampirsippe schwerer denn je, Bellas wunderschönen Hals nicht anzuzapfen. Aufgrund dieser lückenhaften Selbstkontrolle verließ Edward zerknirschten Herzens seine Liebe. Und es kam das auf den Plan, was sich schon im ersten Teil dezent und züchtig angebahnt hat, nun aber geradezu implodierte: Der menschenalte Kampf zweier Männer um dieselbe Frau. In diesem Fall kehrt Jacob, der mit Bella befreundete Indianerjunge, aus der stimmlichen und körperlichen Versenkung der Pubertät zurück, um dem smarten, hageren Edward Konkurrenz zu machen. Und er kehrt auch nicht einfach zurück, sondern steht vor den hochschlagenden Mädchenherzen im Kinopublikum ohne Hemd da, mit viel Muskeln und fesch kurzgeschorenen Haaren, überdies ist er nun zum Teilzeit-Werwolf mutiert. Laut Überlieferungen verwandelt sich sein Indianer-Clan bei Herannahen von Vampiren zu Werwölfen. In Augenblicken der Wut verwandeln sie sich demzufolge in riesenhafte CGI-Monster mit sensiblen Augen.

Doch wie auch immer das klingt, die ersten zwei Teile der Twilight-Saga waren musikalisch überraschend fabelhaft unterlegte Teenager-Dramen, die trotz sentimentalen und religiös arg instrumentalisierten Augenblicken – beispielsweise ist Bella auch nach zwei Jahren Beziehung mit Edward jungfräulich, schließlich sind sie noch nicht verheiratet – an die bildtechnischen Grenzen des Genres geht. Auch Selbstironie war zu finden, neben reflektiertem Kult um den männlichen Körper und der aufgestauten Erotik ungenutzter, junger Sexualität.

Das alles boten die ersten zwei Twilight-Filme: Sie brachten Geld in die Kassen; sie bauten ein Merchandising Imperium auf, das eigenartigerweise mit der Selbstverzicht-Moral der Filme konterkariert; sie hatten denselben Effekt wie Namen einiger Gruppen im Schüler-VZ – plötzlich hatte man vollstes Vertrauen in die Jugendlichen der heutigen Zeit. Und vor einigen Tagen nun wurde es Zeit für den dritten Teil: Eclipse. Zeit, um zu zeigen, was mit Geld alles möglich ist, nämlich die komplett abgeschlossene Pervertierung eines kindgerechten Mythos.

Aber alles auf Anfang: Edward ist wieder mit Bella vereint, selbstverständlich nicht im körperlichen Sinne, und Bellas Verwandlung in einen Vampir steht fest auf dem Plan. Nach der Highschool und vor dem College soll es passieren, und dann geht das Paar zusammen auf die Universität von Alaska. Denn dort fällt bei konstantem Regen und Schnee nicht gleich auf, daß in Stephenie Meyers Büchern und damit auch in den Filmen, Vampire tagsüber nicht einfach zu Staub zerfallen, sondern ihre Haut, gleich polierter Diamanten, glänzt und funkelt. Der noch potentere Jacob weiß von dem Plan und versucht Bella für sich zu gewinnen, jedoch unbedingt als Menschen – kann man sich noch erinnern? Die Seele…

Doch etwas viel überwältigenderes bedroht alle drei gleichermaßen und Bella im Besonderen: Die Rache einer Frau, der ihr Liebster genommen wurde. Victoria – auf einmal ebenso farblos dargestellt von Bryce Dallas Howard wie in den vorigen Teilen von Rachelle Levefre – trachtet nach Bellas Leben, um biblisch – Auge um Auge, Zahn um Zahn – Rache zu nehmen an Edwards Liebe, da er Viktoria die ihre genommen hat. In Twilight brachte er im energiegeladenen Ende den bösartigen Vampir James um, da dieser Bellas roten Zaubersaft trinken und ihr damit das menschliche Leben nehmen wollte. Bald wird klar, daß Viktoria für diese unverhältnismäßige Rache eine logisch und plottechnisch unverständlich große Armee von neugeborenen Vampiren züchtet, da Vampire in den ersten Lebensmonaten nach dem transformierenden Biß besonders blutrünstig und unkontrollierbar sind.

Worauf läuft das alles hinaus? Auf den finalsten Kampf im dritten der insgesamt fünf Filme? Aber sicher. Auf ein Actionende, das drehbuchtechnisch gar nicht verstanden werden kann, weil es in seiner Bombasterei jegliche Stränge der Geschichte überdeckt? Noch mehr.

So stimmt der Film schon von Anfang auf die noch folgende rätselhaft explizite Gewalt ein, indem die Exposészene die brutale Erschaffung eines neuen Vampirs in der schummrigen Großstadtnacht von Seattle zeigt, was wiederum einen Bruch darstellt zu dem konsistenten Stilmittel früherer Teile, nämlich die Filme mit einem Traum oder einer Vision von Bella beginnen zu lassen, die in poetischen Worten von der tiefen erotischen Stimme Kristen Stewarts zusammengefasst wird.

Doch man geduldet sich, hofft und glaubt, daß es sich hierbei um ein Mißgeschick handelt, um eine Abzweigung von der geraden, lyrischen, amerikanischen Straße, die die Twilight-Saga normalerweise entlangfährt. Und tatsächlich, je forscher und weiter der Film voranschreitet, desto klarer wird das Ausmaß der Selbstironie, das hier zu Tage tritt. Beispielsweise sagt Edward einmal über Jacob, dessen Brustwarzen-Härte man aufgrund seiner andauernden Oberkörperfreiheit besser kennt als seine Gedanken: »Kann er sich kein T-Shirt leisten?« Und Bella, das umkämpfte Weibchen im testosteronschäumenden Männchen-Duo Edward und Jacob, stellt sich einmal zwischen beide und schreit: »Es reicht! Ab jetzt bin ich die Schweiz.« Angenehm ist dieser hohe Grad an selbstbezogenem Sarkasmus, der sich noch mehr herauswagt als in den früheren Teilen, aber ebenso viele unfreiwillig komische Momente gestellten Teenagerkults bietet.

Doch dann ahnt man, daß sich etwas ganz entscheidendes verändert hat. Dort, wo der reaktionäre Anspruch, Sexualität nur im Schutz des Ehebundes zelebrieren, ach was zelebrieren, überhaupt praktizieren zu dürfen, nur angedeutet wurde, spricht hier Bella deutlich ihren Wunsch nach körperlicher Nähe aus, indem sie Edward ins Bett zerrt und abgewiesen wird. Obwohl schon alle Flaggen auf Halbmast zu stehen scheinen, beginnt Edward mit einem seltsam melancholischen Diskurs über die guten alten Zeiten, in denen er höchstens ein, zwei Küsse von ihr gestohlen hätte, wenn die Anstandsdame mal nicht hingeschaut hätte. Ansonsten aber wären sich ihre beiden Körper erst nach dem Eheschwur begegnet.

Ein milliardendollteures Teenagerepos, das so vollständig in der Zeit zurückgeht? Nicht ganz. Immerhin werden Bellas widersprüchliche Gefühle für beide Männer oberflächlich skizziert, denn neben Edward liebt und küßt sie auch den Werwolfjungen Jacob. Doch neben der brachialen, alttestamentarischen Gewalt, die in Eclipse vorherrscht, erscheint dieser an sich nicht uninteressante Handlungsstrang wie ein nichtsnutziger Tropfen auf einem lichterloh brennenden Stein. Denn hier ist das eigentliche Problem: Gewalt, Gewalt, Gewalt. Schon im ersten Viertel faßt man sich endgültig enttäuscht an den Kopf, weil die rasterhaften, schlampigen Pflichteinführungen der Nebenfiguren, Vampire aus Edwards Familie, eine gänzlich unmotivierte Massenvergewaltigungsgeschichte entlarven, der man ratlos gegenübersteht, und mit Schlachtengemetzel junger Vampire rund um den Bürgerkrieg weitermachen. So schaukelt sich alles hoch.

Versuchte noch Twilight sich dem Genre zu nähern, indem es das Blut aus seiner Erzählung schlicht subtrahierte, sind hier alle Hemmungen und Grenzen gefallen: Die finale Schlacht im verschneiten Zauberwald von Forks im US-Bundesstaat Washington bietet zwar wiederum keinen Tropfen Blut, verwandelt sich aber in ein unbeabsichtigt, weil ungekonnt inszeniertes, blutrünnstiges Getümmel zwischen an Nazi-Ästhetik und das Ideal herrischer Manneskraft plötzlich erinnernden Wehr-Wölfen und den guten versus den bösen Vampiren, wobei jeder Vampirtod auf der feindlichen Seite als voyeuristischer Blick auf, gleichsam wie im Eis, zerbrochene Körperteile fällt und dort erstmal auch verbleibt. Und zwischen all den Leichen und Verletzten, der blanken Brachialität mordender Soldaten, die stets die Entschuldigung fühlen, auf der richtigen Seite zu stehen, um den Schutz einer einzigen Frau zu gewährleisten, kommen gefühlsbetonte Momente auf, die sich mit dieser offensichtlichen Unvereinbarkeit gar nicht zu beschäftigen scheinen. So endet Eclipse als ein gewaltübersätes Ungetüm, das sich viel zu weit entfernt von dem atmosphärisch verfilmten Wunsch Twilights, den eigenen Genregrenzen zu entfliehen. 2010-07-19 11:09

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