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Karate Kid

USA 2010. R: Harald Zwart. B: Chris Murphy. K: Roger Pratt. S: Joel Negron. M: James Horner. P: China Film Group, Columbia Pictures, Jerry Weintraub Productions, Overbrook Entert. D: Jaden Smith, Jackie Chan, Taraji P. Henson, Wenwen Han, Rongguang Yu, Zhensu Wu, Zhiheng Wang, Zhenwei Wang u.a.
140 Min. Sony ab 22.7.10

Balance halten in China

Von Rebekka Hufendiek Was die Story angeht, so ist beim neuen Karate Kid alles beim alten geblieben und das teilweise bis in den detaillierten Ablauf der Szenen hinein. Ein Teenager kommt mit seiner alleinerziehenden Mutter in eine fremde Stadt und gerät dort schnell in Konflikt mit einer Gang kampfsportkundiger Halbstarker, vor allem weil er sich für dasselbe Mädchen wie deren Anführer interessiert. Er wird von der Gang schikaniert, bis ihm schließlich der alte japanische Hausmeister zur Hilfe kommt und ihn auf traditionelle, vor allem aber skurrile Weise in die Kunst des Karate einführt. Der Junge kann so schließlich seine Angst überwinden, sich in der grausamen Teenagerwelt Respekt verschaffen und noch dazu das Herz seiner Traumfrau erobern. Dieses Hollywoodmärchen wurde zum Kultfilm der 1980er Jahre, wohl vor allem deshalb, weil Karate Kid genau im richtigen Moment kam, um den gerade entstehenden Boom des asiatischen Kampfsports in der westlichen Welt mitzuproduzieren. Dazu war das Protagonistenpaar des Films auch unüberbietbar gut geeignet, die Integration östlicher Tradition in westlich konsumorientierte Teenagerträume exemplarisch vorzuführen: Der schrullige Mr. Miyagi, die klischiert-humoristische Verkörperung des Bonsai-Baum züchtenden Fremden, wird mit seinen legendär unkonventionellen Trainingsmethoden dem Teenager-Schwarm Daniel ein erster Freund und Helfer im reichen, fremden Kalifornien. Am Ende hat Daniel nicht nur zu sich selbst gefunden, sondern verfügt auch über ein erstes eigenes Auto, eine gutaussehende Freundin und kann seine Güter im Zweifelsfall auch selbst verteidigen.

Variiert wird diese Geschichte in der Neuverfilmung nun vor allem in zweierlei Hinsicht: Der 12jährige Dre (Jaden Smith) kommt mit seiner Mutter nicht nach Kalifornien, sondern nach Peking, und da man hier mit Karate nicht allzu weit kommt, bringt ihm der Hausmeister Mr. Han (Jackie Chan) »richtiges« Kung Fu bei. Sonst bleibt alles beim Alten: Alleinerziehende Mutter, feindliche Gang, hübsches, allseitig begehrtes Mädchen und ein Wettkampf am Ende, bei dem Mutter und Herzdame im Publikum jubeln, während die feindliche Gang auseinander genommen wird.

Wie es sich für ein Remake gehört, verweist die Neuverfilmung an vielen Stellen spielerisch aufs Original, etwa wenn Mr. Han plötzlich eine Fliegenklatsche zieht, wo sein Vorgänger geduldig versuchte Fliegen mit Stäbchen zu fangen. Ebenso erweist Karate Kid Referenzen ans Genre: Trainingsszenen von Dre und Mr. Han sind berühmten Kampfsequenzen aus Jackie Chan-Filmen nachempfunden und eine überaus gelungene Verfolgungsjagd durch die Straßen Pekings erinnert an die klassische Choreographie von Verfolgungsjagden im Martial-Arts-Film.

Die Verfolgungsjagd durch die Straßen Pekings ist auch deshalb hübsch anzuschauen, weil sich Hollywood für diesen Film tatsächlich nach China vorgewagt hat. Es ist den Produzenten gelungen, Drehgenehmigungen für die unwahrscheinlichsten Plätze zu bekommen und die hier entstandenen Bilder machen erst aus Karate Kid großes Hollywood-Kino voller überwältigender Bilder: Dre besucht eine Shaolin Schule in Peking, wo 400 Schüler im traditionellen roten Gewand ihre Morgenroutine absolvieren, das eindrückliche Szenario ist an einem Originalschauplatz aufwendig und aus vielen Perspektiven aufgenommen. Jaden Smith und Jackie Chan pilgern zu den Wudang-Bergen, um den »Ursprüngen des Kung Fu näher zu kommen«, uns werden dabei spektakulär-kitschige Landschaftsaufnahmen geboten und schließlich trainieren die beiden auf der chinesischen Mauer, denn wo sollte man sonst in China hingehen, wenn man sich darin üben will, die Balance zu halten?

Im großen und ganzen hat es also ganz gut geklappt mit der Adaption, könnte man denken: Gelungene Neubesetzung der Hauptrollen mit dem alten Kung Fu Filmstar Jackie Chan und dem sowohl sportlich als auch schauspielerisch überzeugenden Cool-Kid Jaden Smith, gelungene Neuinszenierung der Geschichte an spektakulären Schauplätzen und damit auch eine gewisse künstlerische Überbietung des Vorgängers, bei gleichzeitig gelungenen spielerischen Verweisen auf diesen und Referenzen an die Genretradition – alles fein.

Karate Kid schafft es aber dennoch kaum einen Moment lang über einen seichten, überteuer produzierten Unterhaltungsfilm hinaus. Hollywoods Teenie-Märchen sind wohl kaum der Ort für progressive Stories und Bilder, daß aber auch im Jahre 2010 die Handlung darum kreist, daß Teenie-Mädchen als Objekte der Begierde nichts tun als zu Lady Gaga zu tanzen und Chopin auf der Geige zu spielen, während Teenie-Jungs den Teenie-Mädchen dabei zuschauen und sich um sie prügeln, bleibt dennoch enttäuschend, nervig und vor allem langweilig. Und warum überhaupt China? Warum Kung Fu? Weil man Jackie Chan doch für die Hauptrolle gewinnen konnte und da paßte das dann super, verrät das Presse-Informationsheft. Das mag ein Grund für die Produzenten gewesen sein, motiviert aber für den Zuschauer noch lange nicht, was das Karate Kid des Jahres 2010 in Peking verloren hat. Die teure Produktion an Original-Schauplätzen vermag diese Unmotiviertheit nicht wettzumachen, sondern verstärkt sie eher noch durch all die furchtbar klischeebeladenen, stereotypen und kitschigen Bilder, in denen China von den Panoramabildern der chinesischen Mauer bis zum Heim des wohlhabenden Chopin spielenden Mädchens vorgeführt wird.

Kurz: Der neue Karate Kid ist ebenso unterhaltsam wie der alte, aber auch mindestens so dumm wie dieser. Für einen Kultfilm fehlt ihm im Gegensatz zu seinem Vorgänger allerdings jegliche Art des cleveren Zeitbezugs. 2010-07-20 11:02
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