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Kinatay

F/RP 2009. R: Brillante Mendoza. B: Armando Lao. K: Odyssey Flores. S: Kats Serraon. M: Teresa Barrozo. P: Swift Productions, Centerstage Productions. D: Mercedes Cabral, Julio Diaz, Jhong Hilario, Maria Isabel Lopez, Coco Martin, Mark Meily, Lauren Novero, John Regala.
105 Min. Rapid Eye Movies ab 15.7.10

Reise ans Ende der Nacht

Von Jochen Werner Vielleicht ist der 15. Juli der bisher bedeutendste Tag des deutschen Kinojahrs 2010. Mit Lola und Kinatay vom philippinischen Filmemacher Brillante Mendoza bringt Rapid Eye Movies da nämlich gleich einen Doppelschlag aus der New Wave des Filipino-Kinos auf die deutschen Leinwände. Damit verschafft der Kölner Verleih der vielleicht interessantesten Bewegung des gegenwärtigen Weltkinos erstmals eine kleine Nische in der deutschen Kinolandschaft, die ja ansonsten die derzeit relevanten Strömungen der Filmkunst geflissentlich ignoriert. Der kleine Skandal, den Kinatay bei seiner Premiere im Wettbewerb von Cannes 2009 ausgelöst hat, mag dabei sicherlich geholfen haben, diesem sperrigen Film, ein wenig Öffentlichkeit zu verschaffen. Der US-Kritikerpapst Roger Ebert nämlich, nicht eben publizistische Speerspitze der Kinoavantgarde, konstatierte nach der Premiere von Mendozas Film entnervt, dies sei er nun aber endgültig: der schlechteste Film in der Geschichte des legendären Festivals.

Ohne sich der vernichtenden Kritik Eberts auch nur im Geringsten anzuschließen, ist es doch ersichtlich, was das Urgestein der Kinokritik so weit an den Rand der Verzweiflung getrieben haben mag, daß ihm weniger harte Worte offenbar nicht angebracht schienen; macht doch Brillante Mendoza hier tatsächlich keinerlei Konzessionen. Keine einzige Erwartung des Zuschauers an einen gut erzählten Film ist er so ohne weiteres zu erfüllen bereit. Kinatay ist kaum in narrativen Maßstäben zu beschreiben, ob er nun im ersten Abschnitt mit geduldig beobachtendem Blick die Hochzeit seines Protagonisten Peping und die anschließende fröhliche Feier ins Bild setzt oder eine schier endlose, immer wieder die kinematographischen Potenziale der Dunkelheit auslotende Autofahrt zum Tatort des titelgebenden Verbrechens (»Kinatay« bedeutet auf Tagalog soviel wie »abgeschlachtet«) in voller Länge ins Zentrum des Films stellt und so zur nervenzerrend suggestiven Ouvertüre zum grausigen Finale macht. Oder ob er schließlich, im letzten Abschnitt des Films, der Bildverweigerung das Zuvielsehen gegenüberstellt und in der brutalen Tötung und Zerstückelung einer jungen Prostituierten durch einen Trupp korrupter Polizisten, an der sich Peping mitschuldig macht, die Nähe des Splatterfilms sucht.

Mendozas Kino, das seinem Regisseur zufolge ein neorealistisches ist, legt im Falle von Kinatay seine Verwurzelung im Avantgardefilm überdeutlich offen. Ist der zeitgleich startende Lola noch durchaus als (virtuose) Übung in der Form des sozialkritischen Melodrams und Aktualisierung der großen Filme de Sicas zu verstehen, behauptet Kinatay mit wütenden Abgrenzungsgesten eine radikalere ästhetische Position, die ihn nur noch seiner eigenen künstlerischen Vision verpflichtet. Kinatay beruht auf einer wahren Geschichte, und sein Ziel, so Mendoza selbst, sei eine ungeschminkt realistische Darstellung der sozialen Mißstände seines Landes. Den Klischees der filmischen Darstellungsformen des Sozialrealismus traut er jedoch sichtlich nicht über den Weg, und so formt er Kinatay zu einem artifiziellen, bis zum Äußersten ins Abstrakte getriebenen Film, dessen Abschnitte einerseits kunstvoll arrangiert sind und andererseits ihre politische Dringlichkeit niemals einem affekthaschenden Ästhetizismus opfern.

Die trügerische Ruhe der langen Plansequenzen, die unprätentiöse und doch unter seltsamer Spannung stehende Handkamera, die Verweigerung noch der grundsätzlichsten Momente des Kinos bis hin zur Auflösung des Bildes im Schwarz, das die Kinoleinwand überflutet, das überaus affektive Sound Design – all das machen Kinatay zum wohl gewagtesten und in künstlerischer Hinsicht radikalsten filmischen Trip, der derzeit im Arthousekino zu haben ist. Und Dank Rapid Eye Movies nun für kurze Zeit – schnell hingehen, bevor er wieder verschwunden ist! – auch auf ausgewählten deutschen Leinwänden. 2010-07-13 15:18
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