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I Am Love

lo sono l‘amore. I 2009. R,B: Luca Guadagnino. B,S: Walter Fasano. B: Barbara Alberti, Ivan Cotroneo. K: Yorick Le Saux. M: John Adams. P: First Sun, Mikado Film, Rai Cinema, La Dolce Vita Productions u.a. D: Tilda Swinton, Flavio Parenti, Edoardo Gabbriellini, Alba Rohrwacher, Pippo Delbono, Diane Fleri, Maria Paiato, Marisa Berenson u.a.
120 Min. MFA ab 28.10.10

Hier kommt die Flut

Von Daniel Bickermann Gepflegte Langeweile steht am Beginn. In abgetönten, erdigen Farben aus einer anderen Zeit bewundern wir das verschneite Mailand, die steinernen Statuen und ein komplexes Geflecht aus Figuren, die wie steinerne Statuen wirken: Eine Industriellenfamilie läßt sich in ihrer Villa bedienen, betreibt Smalltalk, frönt der leichten Kunst und der Athletik. Der Kameraformalist Yorick Le Saux, der als Mitarbeiter Ozons schon mehrfach auffällig wurde, hier aber seine wahre Meisterprüfung mit Bravour besteht, filmt dies in klassischen, langen Einstellungen aus einer übersichtlichen Distanz – nicht selten sieht man die hohen Decken, und es tummeln sich fünf oder mehr Figuren im Bild. Auch die Lichtsetzung überrascht: Menschen wirken verloren in einem engen Treppenhaus, ein weitläufiger Festsaal erscheint seltsam klaustrophobisch. Dazu Fluchtpunktperspektiven, kristallklare Tiefenschärfen, keine Großaufnahmen, keine schnellen Schnitte, dafür ein elegant kadrierter Bildstil – nun wähnt man sich tatsächlich in einer anderen, einer klassischeren Kinozeit als der Gegenwart.

Und die Handlung? Nun, die plätschert erstmal vor sich hin: Der Patriarch tritt zurück, die Erben verscherbeln den Familiennachlaß, eine Tochter ist lesbisch, ein Sohn freundet sich mit einem Koch an… Man wartet auf einen Aufreger, und dank der begnadet schönen Bilder wartet man auch gerne. Aber man wartet sehr lange. Man braucht einen langen Atem für diesen Film.

Eine Welle kommt und bricht sich. Eine Traumsequenz zum Beispiel. Surreal, assoziativ, in direktem Widerspruch zur bisherigen Filmsprache. Die Figur wacht auf, die Realität kehrt zurück. Es war nur ein Traum, denkt der Zuschauer und wartet erneut. Man wartet und schaut Tilda Swinton zu, die als Ehefrau eine nur knapp als solche erkennbare Hauptrolle hat. Sie darf wieder einmal glänzen mit ihrer Darstellung der ziellosen Obsession einer nur scheinbar gefestigten Frau. Sie findet schöne Details: die Art, wie sie ein weggeworfenes Geschenkband nicht nur sofort an sich nimmt, sondern es schmerzhaft um ihre Hand wickelt wie einen jüdischen Gebetsriemen. Wie sie in ihrem riesigen, leeren Haus und ihrem riesigen, leeren Leben zunehmend verzweifelt und suchend auf- und abgeht. Doch I Am Love ist beinahe ein Ensemblefilm, die Stränge verwischen und verweben sich, und vieles davon ist leider nur mäßig interessant.

Eine zweite Welle. Ganz plötzlich ist er da, der entscheidende Moment, er kommt aus dem Nichts, ist kurz und abrupt und unscharf – der Filmemacher läßt die Welle sofort wieder brechen. Es geht ihm nicht um den Moment der Leidenschaft. Sondern um die Momente davor und danach. Die Handlung ist weiterhin streckenweise langweilig und schön. Aber da ist Tilda Swinton. Wie sie schwer atmet vor dem Moment der Leidenschaft und verlegen kichert danach, das ist schon ganz große Kunst. Sie erhält die einzigen, wenigen Großaufnahmen in diesem Film, und weiß Gott, sie hat sie verdient.

Die Wellen kommen jetzt schneller. Man ärgert sich zwischendrin über die zu simple Dialektik der Hauptgeschichte zwischen Strenge und Freiheit, über die zu einfachen Verknüpfungen aus familiärem Geheimnis und körperlicher Tragödie, über Handlungsklischees und Seifenopernlogik. Aber die behäbige Familienchronik hat in ihrer zweiten Stunde plötzlich Fahrt aufgenommen und driftet nun immer häufiger in das Reich der Leidenschaften ab. Die Kamera wirbelt herum, die Musik wird atonal, eine fast unanständig originelle Montage aus Sex im Gras und den umherkriechenden Insekten raubt dem Zuschauer den Atem, der nun gar nicht mehr lang ist. Das Ende ist dann ein grandioser Staffelauf zu peitschender Opernmusik, die atemlose Turbotransformation einer Frau, das Aufbrechen jahrelanger Verhältnisse in Augenblicken, das Hetzen durch Stationen, zum letzten Mal, der Blickwechsel mit den geliebten Menschen, zum letzten Mal – und Schluß.

Durch I Am Love liebt und leidet man sich hindurch wie durch Wagners »Parsifal«: Man wird zugleich gediegen gelangweilt und rabiat überwältigt, und man bleibt verschwitzt und verstört zurück. Die frühen Wellen des Films mögen flach geblieben sein, doch die Brecher am Ende sind von gewaltiger Kraft. 2010-10-22 10:30

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