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Im Schatten

D 2010. R,B: Thomas Arslan. K: Reinhold Vorschneider. S: Bettina Blickwede. M: Geir Jenssen. P: Schramm Film Koerner + Weber. D: Misel Maticevic, Rainer Bock, Uwe Bohm, Karoline Eichhorn, Timo Jacobs, Peter Kurth, Jörg Malchow, David Scheller u.a.
85 Min. Peripher ab 7.10.10

Verbrechen macht viel Arbeit

Von Oliver Baumgarten Der Kriminalfilm ist ein Genre, das in Deutschland fast nur noch im Fernsehen stattfindet. Dort ist der gute alte Krimi zwar nicht grundsätzlich schlecht aufgehoben, doch setzt ihm die fortschreitende Formatierung mittlerweile arg zu. Rund zwei Drittel aller Tatorte beispielsweise – immerhin eine Serie, deren Grundidee auf Heterogenität beruht – sehen heute gleich aus, bedienen sich derselben Muster in Erzählung, Dramaturgie, Tempo und Auflösung, selbst die Schauspieler scheinen sämtlich aus dem selben Agenturpool zu stammen. Das Fernsehen läßt den so traditionsreichen Krimi ausbluten, und nur wenige Beispiele wie jüngst Dominik Grafs fulminante Miniserie Im Angesicht des Verbrechens oder Klaus Krämers atmosphärischer Tatort – Hitchcock und Frau Wernicke dringen da bei all dem vorhersehbaren Einerlei überhaupt noch ins Bewußtsein.

Daß Thomas Arslans neuester Film Im Schatten mit seinem klassischen Krimisujet nun im Kino startet, stellt vor diesem Hintergrund also nicht nur eine echte Besonderheit dar, sondern läßt auch wieder einmal auf ein etwas originelleres Erlebnis hoffen. Und in der Tat: Im Schatten richtet seinen Blick auf Kriminalität aus einer in Deutschland lange nicht gesehenen Perspektive und bedient sich dabei ausgezeichneter formaler Mittel.

In Hollywood ist es nicht ungewöhnlich, das Verbrechen als Profession zu zeigen: Ronin oder Ocean's Eleven, Top Job oder Über den Dächern von Nizza – Filme wie diese haben hier eine lange Tradition, sie nehmen den Job des Diebs sehr ernst und zeigen ihn äußerst konzentriert bei der täglichen Arbeit. Auch Thomas Arslan scheint fasziniert zu sein von den professionellen Aspekten des Verbrechens, denn er inszeniert seine Hauptfigur Trojan, just aus dem Knast entlassen, als freischaffenden Kriminellen, der gründlich wie ein Businessman seinen Wiedereinstieg ins Geschäft organisiert. Der von Misel Maticevic mit großem Ernst verkörperte Trojan klappert seine Kontakte ab, belebt sein altes Netzwerk und versucht, alte Schulden einzutreiben, um sich so ein Startkapital für neue Jobs zu verschaffen. Nüchtern und zielgerichtet wie ein Broker zeichnet Arslan diesen Trojan, wenn dieser mittels Scharfsinn und Instinkt die Qualität eines Jobangebots abschlägig beurteilt, das ihm eine von Hanns Zischler gespielte amtsbeflissene Figur im Stile einer Art Untergrund-Arbeitsagentur vermitteln will. Rhythmisch perfekt erzählt und sehr präzise in Szene gesetzt nimmt Trojans Weg zurück in die Kriminalität unaufhaltsam seinen Lauf: Ein korrupter Polizist observiert ihn, und ein ehemaliger Auftraggeber verfolgt ihn, während der Plan für einen Geldtransporterüberfall langsam Konturen annimmt.

Wie schon von früheren Arbeiten Thomas Arslans gewohnt, nimmt er sich auch hier Zeit, um Figuren und Atmosphäre sich konsequent entwickeln zu lassen. Arslan erklärt nicht, sondern er zeigt – allein das schon hebt Im Schatten heraus aus der Masse deutscher Krimiware, in der minutenlange Observierungsszenen unmöglich ohne Dialog auskämen. Überhaupt wird wenig gesprochen in Arslans Film, und das ist nicht nur aus Prinzip eine Wohltat, sondern vor allem auch, weil die Aufmerksamkeit so auf anderes verlegt wird: auf das reduzierte und jederzeit treffliche Spiel des hervorragenden Darstellerensembles etwa, auf die sehr bildorientierte Erzählweise oder auf Geir Jenssens Musik. Die nämlich ist wirklich etwas Besonderes, weil sie durch ihren orchestralen Thrillercharakter, der unterdrückt, fast gepreßt wirkt, viel zum latent Bedrohlichen des Films beiträgt.

Zum Ende hin übrigens hat es Trojan dann tatsächlich geschafft, sich wieder bis zum Hals in kriminelle Machenschaften zu verwickeln. Seine professionelle Konsequenz verlangt ihm immer brutalere Handlungen ab, Verbrechen provoziert immer weiteres Verbrechen – zu gewinnen aber gibt es am Ende nichts. Im Schatten ist damit ein waschechter Genrefilm, dessen Coolness und zunehmende Härte ihren Ursprung zwar im internationalen Kino haben, dort aber nicht ansatzweise so lapidare Züge verliehen bekommen wie hier. Ein bemerkenswerter Film also, der seinen Start im Kino verdient hat – ins Fernsehen kommt er schließlich früh genug, wo er womöglich im Schatten der Krimiformate als düster und langatmig verkannt werden wird. 2010-10-04 10:27

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