— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Kinshasa Symphony

D 2010. R,B: Claus Wischmann. R,K: Martin Baer. S: Peter Klum. M: Jan Tilman Schade. P: Sounding Images.
95 Min. Salzgeber ab 23.9.10

Change Your Life in an Orchestra

Von Martin Wertenbruch Zur Fußballweltmeisterschaft in Südafrika erscheinen zahllose Berichte, Dokus und Reportagen über Afrika, das soviel heterogener ist, als medial vermittelt wird. Meist dient der Fußball als Aufhänger, eher selten nimmt sich jemand Zeit für eine differenzierte Betrachtung anderer Aspekte. Da kommt Kinshasa Symphony gerade zur rechten Zeit.

Hier geht man es langsam an. Gleich zu Beginn ist zu sehen, wie ein paar Männer einen alten Bus rückwärts durchs Bild schieben. Es ist der Bus des »L'Orchestre Symphonique Kimbanguiste«, dem einzigen Symphonieorchester Zentralafrikas. Die Szene symbolisiert bereits den Tenor des Films: Es ist bei weitem nicht leicht, aber mit Einsatz, Fantasie und dem Glauben an die Musik lassen sich Hindernisse überwinden. Und derer gibt es viele in der drittgrößten Stadt Afrikas, mit rund 10 Millionen Einwohnern und einer enorm hohen Armutsrate.

Dramaturgisch folgt der Film den Vorbereitungen des Orchesters auf ein großes Open-Air-Konzert zum Unabhängigkeitstag des Landes. Es soll das größte Konzert werden, daß das Orchester je gespielt hat und entsprechend aufgeregt sind Musiker und Sänger und nicht zuletzt der Dirigent und Gründer des Orchesters, Armand Diangienda. Es stehen Stücke von Verdi und Händel auf dem Programm, Orffs »Carmina Burana« und keine geringere als Beethovens »9. Sinfonie«. Vor dem Hintergrund, daß die Mehrzahl der Mitglieder Autodidakten und sämtlich Amateurmusiker sind, hat sich Diangienda mit seinem Orchester hohe Ziele gesteckt, an denen hart gearbeitet wird. Ebenso hart müssen sich einige der Protagonisten, die die Filmemacher ein stückweit im Alltag begleiten, ihren Lebensunterhalt verdienen. Die Alltagswelt und die Welt des Orchesters sind beide von Improvisation und Mühe, aber auch von Erfolg und Lebensfreude geprägt.

Die Protagonisten repräsentieren unterschiedliche ökonomische Verhältnisse und bilden einen Querschnitt des zweihundert Personen starken Orchesters ab. Was sie verbindet, ist ihre Begeisterung für klassische Musik. Claus Wischmann und Martin Baer setzen diese Begeisterung kontrastiv zum Großstadtmoloch in Szene. »Wenn ich Beethoven singe, bin ich nicht mehr hier. Dann bin ich weit weg, das ist einfach schön«, sagt Mireille Kinka aus dem Chor.

In der preisgekrönten Dokumentation Rhythm is it! verspricht der Choreograph Royston Maldoom den Jugendlichen: »You can change your life in a dance class«. Der Dirigent, Armand Diangienda, muß das seinen Musikern nicht erst sagen. Sie erleben es bereits. 2010-09-20 18:20

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #59.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap