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Fish Tank

GB 2009. R,B: Andrea Arnold. K: Robbie Ryan. S: Nicolas Chaudeurge. P: BBC Films, UK Film Council, Limelight Communication, Kasander Film Company. D: Katie Jarvis, Michael Fassbender, Kierston Wareing, Rebecca Griffiths, Carrie-Ann Savill, Toyin Ogidi, Grant Wild, Sarah Bayes, Charlotte Collins, Kirsty Smith u.a.
123 Min. Kool ab 23.9.10

Das Leben ist eine Schlampe

Von Eva Tüttelmann Mia ist ein wütendes Mädchen. Ziellos tobt sie in den ersten Minuten von Fish Tank durch ihre Heimatstadt im englischen Arbeiter-Essex und handelt sich jeden erdenklichen Ärger ein, provoziert, beschimpft und teilt ungefragt aus. Die Herkunft ihres Grolls läßt sich bis hierher nur erahnen, doch schnell wird klar, daß sich noch Tonnen angestauter Emotionen in den Untiefen ihres Herzens befinden, die aus ihr herausbrechen wollen. Ihre einzige Freundin läßt sie hängen, und auch bei ihrer Mutter, mit der sie und ihre kleine Schwester in einer Sozialwohnung leben, findet Mia keinen Halt. Die Alleinerziehende ist eine keifende, kneifende, vor Unzufriedenheit zerberstende Frau, die gern feucht-fröhliche Grabbel-Partys vor ihren Töchtern feiert und für die Zuneigung und Verständnis böhmische Dörfer zu sein scheinen. In übelstem Working-Class-Dialekt spucken sie sich ihre Garstigkeiten entgegen, nur um sich dann wieder in ihre geteilte Einsamkeit zurückzuziehen. Alles steht Kopf, als Mutter Joannes neuer Freund Connor (Michael Fassbender) dem frostigen Alltag der drei Fürsorge und Geborgenheit entgegenhält und sich für Mia zum Dreh- und Angelpunkt entwickelt.

In Fish Tank ist niemand ein Held, um so mehr kann man betonen, wie fabelhaft Andrea Arnold die Figurenzeichnung gelingt, ist es doch nach wie vor bemerkenswert, den Zuschauer so eng an diejenigen zu binden, die kaum Identifikationsfläche bieten. Die beim Anschreien ihres Freundes gecastete Katie Jarvis liefert mit Fish Tank ein überwältigendes Debut ab, das keinen Zweifel an der Tatsache zuläßt, daß man von ihr noch einiges hören wird. Nicht eine Szene kommt ohne sie aus, sie ist nie zu viel und nie zu wenig präsent, verknüpft dabei Intensität und Authentizität auf eine Weise, die überzeugender nicht sein könnte. Obwohl neben ihr zunächst kein Platz zu sein scheint, kann Michael Fassbender ihr locker die Stirn bieten und schafft zwischen deren beiden Figuren eine symbiotische Verbindung aus Zartheit und Wucht. Schon die erste Begegnung der beiden ist geprägt von einer Unbehaglichkeit, in der man sich suhlen möchte. Daß die beiden sich gern haben, macht Regisseurin Andrea Arnold unmißverständlich klar, denn auch wenn Mia wie gewohnt stichelt, ist sie ruhig, fast schon schüchtern, pöbelt sozusagen mit gesenktem Kopf. Auch die Kamera scheint innezuhalten, hastet sie doch nicht wie sonst Mia auf ihren Streifzügen ruckelnd hinterher, sondern verweilt in bewegungsarmen Halbnahen. Überhaupt gibt es keinen Moment, in dem Arnold Informationen zurückhält, die Spannung von Fish Tank ergibt sich nicht aus dem, was man nicht weiß, sondern aus dem ständigen Bewußtsein darüber, wo die Fäden zusammenlaufen werden. Die Ehrlichkeit des Films macht den Zuschauer zum heimlichen Verbündeten, der gern vergessen wird, wie geschickt ihn diese ungeschönte »Nicht-Manipulation« in seiner Rezeption beeinflußt.

Das trübe Industriesetting nahe dem englischen Tilbury ist ein Spiegel von Mias innerer Unaufgeräumtheit; der Plan, Tänzerin zu werden, wirkt wie ein Kleinmädchentraum in den sie sich zurückzieht – einzig beim Tanzen scheint ihre Wut in den Hintergrund zu rücken und sie ist ganz bei sich und sie selbst. Auch auf der Tonebene existiert nur das Gegensatzpaar aus ihre Rastlosigkeit unterstreichendem Straßen- und Industrielärm und der Musik, zu der Mia tanzt. Während sie sich zu Hip Hop bewegt, findet sie zur Ruhe und fühlt sich ihrer Sache sicher. Eine magische Tanzszene ist es dann auch, die den Film und die Figuren erstmals zur Ruhe und zueinander finden läßt. Nachdem die Handlung auf gräßliche Weise zu eskalieren drohte, schafft Fish Tank einen Moment fast unerträglicher, bedrückender Nähe: Als Mia sich von ihrer Mutter verabschiedet, die einzig ein »Fuck off! What are you waiting for?« über die Lippen bringt, durchbricht die 15jährige die Spirale der emotionalen Unfähigkeiten, indem sie auf ihre tanzende Mutter zugeht. Kurz darauf schließt sich die kleine Schwester an und die drei tanzen schweigend, behäbig – ein alles erzählender Dialog, der gänzlich ohne Worte auskommt. Spricht man dennoch über Gefühle, sagt man zur Sicherheit lieber das Gegenteil. »I hate you.«, fällt die kleine Schwester Mia weinend in den Arm, die die Liebeserklärung sogleich erwidert: »I hate you, too.« 2010-09-20 18:20

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