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Jud Süß – Film ohne Gewissen

A/D 2010. R: Oskar Roehler. B: Klaus Richter. K: Carl-Friedrich Koschnick. S: Bettina Böhler. M: Martin Todsharow. P: Novotny & Novotny, Clasart Film u.a. D: Tobias Moretti, Martina Gedeck, Justus von Dohnanyi, Armin Rohde, Erika Marozsán, August Zirner, Moritz Bleibtreu u.a.
120 Min. Concorde ab 23.9.10

Geschichtsrochade

Von Kyra Scheurer Man hat Moretti schon als Hitler und Bleibtreu als Baader gesehen. Martina Gedeck war im gleichen Jahr Ulrike Meinhof und Clara Schumann, Robert Stadlober die Prinzen Louis Ferdinand und Rudolf, Armin Rohde war als Albert Einstein zu sehen. Jetzt treffen sie sich alle in Roehlers heiterem Historienstadl Jud Süß – Film ohne Gewissen: Bleibtreu als Goebbels, Moretti als Süß-Darsteller Ferdinand Marian, Gedeck als seine – den historischen Tatsachen nicht entsprechend – halbjüdische Ehefrau, Stadlober als klischeeblonder SS-Emporkömmling und Rohde als Heinrich George. Was aber außer einer munteren Rollenrochade ist Anlaß für einen weiteren historischen Film, den x-ten Beitrag aus dem filmischen NS-Erlebnispark?

Möglicherweise ein Blick in die Salons der damaligen Elite, den selbstgefälligen Kreis von Filmschaffenden um Reichspropagandaminister Goebbels. Eine Parabel auf die heutige Branche, mit »Sprüchen, die in gleicher Art von irgendwelchen Managern hier auf den Empfängen gerissen werden«, so Regisseur Oskar Roehler auf der Berlinale-Pressekonferenz. Ein erstaunlich naiver Vergleich angesichts eines Films, der sich die Entstehung des bis heute zu Recht indizierten NS-Propagandahits Jud Süß als Sujet gesucht hat. Das paßt zum glatten Drehbuch: Hier wird routiniert mit Zuspitzung und Überhöhung gearbeitet und ganz klassisch die Geschichte eines Protagonisten erzählt, der von Beginn an den Kopf in der Schlinge hat – der mächtige Goebbels will ihn unbedingt für die Rolle – und den Rest der Handlung über versucht, sich zu befreien: Verweigerung, Taktik, Selbstbetrug, Fügung und schließlich inneres Zerbrechen. Darüber verliert die von Tobias Moretti durchaus beeindruckend verkörperte Hauptfigur der Mainstreamerzählweise folgend so ziemlich alles, was ihr lieb und teuer war: Frau, Kind, Freunde, Ideale, körperliche Unversehrtheit und schließlich sich selbst. Nah an der geschichtlichen Realität ist dies keineswegs – ein Problem bei einem solch brisanten Thema. Denn so bleibt mehr als ein fader Nachgeschmack: Der Spagat zwischen satirischer Überhöhung und psychologisch plausiblem Melodram scheitert und produziert Retro-Kitsch und Klischees – selbst Moritz Bleibtreu erliegt der Versuchung, das Original Goebbels ins Clowneske überdehnt einfach nachzuspielen, statt das Wagnis einer eigenen Interpretation einzugehen. Und dann diese Giebelfenster-Szene mit Gudrun Landgrebe vor (der Effekte wegen kurzerhand in der Jahreszahl verschobenem) Bombenhagel im Windkanal: »Fick mich, Jude!« – und Marian gibt auch hier den Semiten, wie gekonnt, bleibt offen. Offen bleiben werden auch einige Münder im Zuschauerraum in ungläubigem Staunen angesichts einer solch dilettantischen Geschmacklosigkeit.

Interessant hätte die Geschichte um die Entstehung von Jud Süß vielleicht sein können, wenn – wie ursprünglich geplant – der verstorbene Frank Beyer das Buch als Schauspielerfilm inszeniert und nicht Roehler ein grelles Nichts in grauem Farbenkleid daraus gemacht hätte. 2010-09-20 18:19

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