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Zarte Parasiten

D 2009. R,B: Christian Becker. R,B,K: Oliver Schwabe. S: Florian Miosge. M: Aurelio Valle. P: RheinFilm. D: Robert Stadlober, Sylvester Groth, Maja Schöne, Corinna Kirchhoff, Gerda Böken, Max Timm, Rainer Laupichler, Paul Nickel u.a.
87 Min. Filmlichter ab 9.9.10

Einmal mit Gefühl

Von Susan Noll Die Augen sind der Spiegel der Seele; das Gesicht wie ein Buch, in dem man über das Leben lesen kann. Das müssen sich auch Christian Becker und Oliver Schwabe gedacht haben, als sie die Schauspieler für ihren Film Zarte Parasiten ausgewählt haben: Robert Stadtlobers eigentlich nicht schönes, doch immer schön inszeniertes Gesicht mit der großen Nase, die feinen Züge der Entdeckung Maja Schöne mit dem hübschen Mund und dunklen, geschwungenen Brauen, das zerfurchte, ausdruckstarke Gesicht von Silvester Groth und die traurigen Augen von Corinna Kirchhoff.

Was gibt es zu lesen in diesen Büchern: Etwas zwischen Hoffnung und Trauer, vor allem aber, daß das Leben nicht wie geplant verlaufen ist. Manu (Schöne) und Jakob (Stadtlober) haben sich ein Aussteigerleben im Wald eingerichtet, wollen hier ganz eigenständig und abseits von allen gesellschaftlichen Vorgaben sein. Sie kümmern sich um eine ältere Frau, die niemanden mehr hat außer den beiden, und der sie Liebe gegen Bezahlung geben und sie ihnen ab und zu eine Schlafmöglichkeit. Das ist eine ungewöhnliche Beziehung. Manu und Jakob nisten sich ein, vermitteln Zuneigung, Intimität, lassen die alte Frau sogar beim Sex zuschauen und versuchen doch, jegliches Gefühl aus diesem Verhältnis herauszuhalten, es ist schließlich ein Job. Aber dann sind da Martin (Groth) und Claudia (Kirchhoff), ein Ehepaar, das versucht, über den Tod seines einzigen Sohnes hinwegzukommen. Manu und Jakob haben sich die beiden ausgesucht, sie wollen sie als neue Überlebensquelle akquirieren. Schon wieder so eine rationale Entscheidung in ihrem Spiel mit dem Gefühl. Jakob und Martin begegnen sich auf dem Segelflugplatz, werden Freunde, und irgendwann zieht Jakob in das Haus des Paares ein.

So richtig einordnen kann man das Geschäft von Jakob und Manu nicht, doch darin liegt eine Stärke des Films. Genauso wie die beiden Figuren selbst schwankt man als Zuschauer zwischen den Bewertungen gut und schlecht, heuchlerisch und hilfsbereit, gierig und gebend. Als Martin Vertrauen zu Jakob faßt und dieser Sympathie für die beiden Eheleute entwickelt, zerbricht das rationale Spiel mit dem Gefühl. Auch die Form vermeidet Bewertungen und läßt ganz die Gesichter sprechen. Da können sich die Regisseure ganz auf ihre versierten Darsteller verlassen. Sie fügen sich lückenlos ein in eine zurückhaltende Inszenierung, die nicht überladen ist mit Atmosphäre und Symbolik. Auch das Segelfliegen wird nicht als Metapher überstrapaziert, es ist, wie alle anderen Handlungen und Ereignisse in diesem Film auch, ein Teil des Lebens, der Normalität. Diese zu erreichen, danach sehnen sich die Charaktere. Aber es ist kaum für sie zu erreichen. Martin und Claudia werden weiter trauern. Und selbst am Schluß, als Jakob und Manu sich in einen Küstenort geflüchtet haben, verfällt das junge Paar wieder in alte Muster und sucht den Kontakt zu einem alten Mann. Noch einmal mit Gefühl. 2010-09-06 10:37

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #59.

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