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Pianomania

A/F/D 2009. R,B,K: Robert Cibis. R,B: Lilian Franck. K: Jerzy Palacz. S: Michèle Barbin. M: Matthias Petsche. P: WILDart Film.
94 Min. Farbfilm ab 9.9.10

Neurose als Spezialisierung auf höchstem Niveau

Von Julian Bauer Stefan Knüpfer ist Cheftechniker bei Steinway in Österreich. Er bemüht sich um die bestmögliche Tonqualität der Konzertflügel im Wiener Konzerthaus, arbeitet für die großen Pianisten dieser Tage. In starrer Struktur portraitiert der Film Pianomania sein Schaffen, seine Passion, seine Neurose oder eben seine »Spezialisierung auf höchstem Niveau«. Der Film lebt vor allen Dingen von seinem Protagonisten, läßt den Zuschauer dabei aber allzu oft alleine. Es gibt keine Erklärungen, kein Nachfragen. Was nicht verstanden wird, versiegt, bleibt nur für den Spezialisten auf höchstem Niveau verständlich. So ist man dankbar, wenn der Pianist Alfred Brendel ganz unaufgefordert erklärt, womit Stefan Knüpfer gerade beschäftigt ist.

Filmspezifisches gibt es weniges; die Versuche, Ton- in Bilderfolgen zu übersetzen, sind klischeehaft: Wolkengang im Zeitraffer oder durch einen Stein hervorgerufene Wellenkreise auf dem Wasser zu Pianoklängen sind heute typische Bilderesoteriken zu klassischer Musik.

Tiefgang hat allein Knüpfers Besuch in der Sammlung alter Musikinstrumente in der Hofburg. Dort trifft er auf einen Mitarbeiter der Sammlung, der das Objekt Knüpfers virtuoser Arbeitsleistung in ein neues Licht stellt: »Der moderne Konzertflügel ist eine faszinierende Musikmaschine, […] die so aggressiv ist, daß ich nicht einmal das, was sie zum Singen bringt, die Seite, ohne mich blutig zu machen, aufziehen kann […] oder wenn ich zum Transportieren drei Leute brauche hat das für mich eine gewisse unmenschliche Dimension bekommen.«

Leider bleibt das Zitat jedoch ein winziger Kontrast zur großangelegten Leichtigkeit des Films. Man sieht dem Treiben des Cheftechnikers zwar gerne zu, bleibt aber als Zuschauer immer nur Anhängsel. Der Film ist eine zarte Annäherung an grandioseste Fach-»Idiotie«, interessiert sich jedoch nicht dafür, das neurotische Moment daran herauszuarbeiten. Es verbleibt professionell, aber flach. Eben eine Spezialisierung auf höchstem Niveau. Andererseits läuft der Film dagegen nicht Gefahr, sich in einen unangenehmen Voyeurismus zu verkehren. 2010-09-06 10:36

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #59.

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