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Rückkehr ans Meer

Le refuge. F 2009. R,B: François Ozon. B: Mathieu Hippeau. K: Mathias Raaflaub. S: Muriel Breton. M: Louis-Ronan Choisy. P: Eurowide, FOZ, France 2 Cinéma, Teodora Film u.a. D: Isabelle Carré, Louis-Ronan Choisy, Pierre Louis-Calixte, Melvil Poupaud, Claire Vernet, Jean-Pierre Andréani, Marie Rivière, Jérôme Kircher u.a.
88 Min. Arsenal ab 9.9.10

Das Kind, das bleibt

Von Eleonóra Szemerey »Die Natur des Menschen achten, ohne sie greifbarer zu wollen, als sie ist.«

So formuliert Robert Bresson eine seiner Notizen zum Kinematographen. Zwar arbeitet François Ozon 50 und auch 60 Jahre nach Niederschrift der Maxime seines Landsmanns noch mit namhaften Schauspielern anstelle von unbekannten Modellen. Und er setzt durchaus auf »Mimik, Gesten und Tonfall«, anstatt den Ausdruck seiner Filme primär »durch Zusammenhänge von Bildern und Tönen« zu erlangen. Aber dennoch kann man von ihm sagen, daß er ein Regisseur ist, der »weder analysiert noch erklärt« – daß er einer ist, der »wieder zusammensetzt«.

Greifbarer als sie eigentlich ist wollte Ozon weder die Natur Maries in Sous le sable noch die von Romain in Die Zeit, die bleibt. Und auch die Motivation von Mousse in seinem aktuellen Film Le refuge läßt er größtenteils im Verborgenen. Ozon analysiert nicht, er psychologisiert nicht, er zeigt. Und besonders wichtig ist dabei nicht das, was er zeigt, sondern das, was er verbirgt.

Doch zurück zu Marie, Romain und Mousse. Was sie verbindet ist, daß sie als Hauptcharaktere in drei Filmen Ozons vor uns treten, in denen es jeweils um den Tod geht. Maries geliebter Ehemann kehrt von einem Bad im Meer nicht mehr zurück, Romain erfährt auf dem Höhepunkt seiner Karriere, daß er nur noch wenige Wochen zu leben hat, und Mousse verliert ihren Freund durch eine Überdosis, die genauso gut sie hätte umbringen können.

Diese Schicksalsschläge nehmen die drei allerdings mit erstaunlicher Ruhe und – irgendwie unangebrachter – Beharrlichkeit hin. Nach der ersten Wendung ihrer Geschicke beginnen sie auf ihre ganz eigene Art, die Geschehnisse zu verarbeiten und mit sich – nicht aber mit ihren Mitmenschen – ins Reine zu kommen. Was sie tun, kann man sehen. Was sie denken und fühlen, nur erahnen. Und auf die zweite Wendung in ihrer Geschichte wartet man vergebens: Anstatt ihr Unglück doch noch zum Guten zu wenden oder aber schließlich daran zu zerbrechen, nehmen sie ihr neues Schicksal bewußt an, ohne ihr altes Leben loszulassen. Vermutlich liegt in eben dieser Paradoxie die Unangemessenheit ihrer Reaktion.

Um sich von der existentiellen Erfahrung des Todes, der so unerwartet in ihr Leben getreten ist, nicht überwältigen zu lassen, halten sie sich fest. Sie klammern sich stur an Dinge, die sie gar nicht halten können, um zu sich selbst zu finden. Sie nehmen dem Tod seine Endgültigkeit, um mit ihm umgehen zu können, und lassen ihren Halt – mit Ausnahme Maries – dann doch wieder los.

So beschließt Mousse in Le refuge, das Kind, welches sie von ihrem verstorbenen Freund erwartet, zu behalten, obwohl sie heroinsüchtig ist. Einerseits zieht sie sich ans Meer zurück, um zu sich zu finden. Andererseits nimmt sie Methadon, trinkt Bier und kann keine rechte Verbindung zu dem Wesen, das in ihr heranwächst, aufbauen. Vermutlich will sie das auch gar nicht. Was sie dazu bringt, »acht Kilo Übergewicht« auf sich zu nehmen, ist vielmehr die Neugier, ob das Kind denn die Augen des Vaters erben wird. Ob ihre Entscheidung allerdings auch etwas damit zu tun hat, daß sie diesen vermißt oder Schuldgefühle hat, bleibt ungewiß. Sie klagt nicht. Immer wieder bekommt man den Eindruck, daß sie die Sache einfach nur durchziehen will. Und an welchem Punkt die Sache für sie durchgestanden ist, bestimmt sie ganz allein, ohne dabei auf gesellschaftliche Normen oder die Erwartungen der Menschen Rücksicht zu nehmen. Wenn man sie auch nicht immer versteht und ihr Verhalten nicht billigt, so muß man ihr doch eines lassen: Sie ist konsequent.

Mit einer ähnlich schwer begreiflichen, nur sich selbst verpflichteten Beharrlichkeit weigert sich auch Marie in Sous le sable, in der Vergangenheitsform von Ihrem Mann zu sprechen. Und Romain hält in Die Zeit, die bleibt all die Personen, die ihm wichtig sind, fotographisch fest, ohne sich aber mit ihnen auszusöhnen. Warum sie das tun? Man erfährt es nicht. Ozon erklärt es nicht. Doch daß sie es tun, das akzeptiert er. Er achtet ihre Natur, ohne sie greifbarer machen zu wollen, als sie ist. Und wie gesagt: Besonders spannend ist dabei nicht das, was er zeigt, sondern das, was er verbirgt. Denn es ist an jedem, dieses für sich selbst zu finden. 2010-09-02 12:00

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