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Mary & Max oder schrumpfen Schafe, wenn es regnet?

Mary and Max. USA 2009. R,B: Adam Elliot. K: Gerald Thompson. S: Bill Murphy. M: Dale Cornelius. P: Melodrama Pictures. D: Ian Meldrum.
92 Min. MFA ab 26.8.10

Zu Schaf, um wahr zu sein

Von Edda Bauer Hoch und breit war gestern. Tiefe ist die neue Sensation. Vor allem Animationsfilme trauen sich ohne dritte Dimension heutzutage gar nicht mehr ins Kino. Der australische Filmemacher Adam Elliot hat da aber wohl etwas mißverstanden und Optik mit Inhalt verwechselt. Nur so läßt sich die unglaubliche Leichtigkeit im Tiefgang von Mary & Max oder schrumpfen Schafe, wenn es regnet? erklären.

Der 92minütige Spielfilmerstling von Elliot erzählt die Geschichte einer ungewöhnlichen Brieffreundschaft. An dem einen Ende sitzt die achtjährige Mary Daisy Dinkle in ihrem australischen Kleinstadtkinderzimmer und kritzelt auf alles, was auch nur im Entferntesten als Papier durchgeht. Am anderen haut der 44 Jahre alte New Yorker Max Jerry Horowitz mächtig in die Tasten seiner alten Schreibmaschine. Die beiden verbindet eigentlich nichts außer Zufall, Schokolade, ihrer Lieblingsserie »The Noblets« und dem Umstand, daß sie sonst keine Freunde haben.

Seltsames Mädchen mit Hornbrille und Hoffnungen ans Leben trifft auf 200 Kilo schweren Misanthropen mit wechselndem Goldfisch und ständigen Angstattacken. Diese ungleiche Paarung stellt sogar Harold & Maude in den Schatten. So wie in Hal Ashbys Klassiker ist auch Mary & Max eine filmische Ode an das Außenseitertum. Anders aber als vor fast 40 Jahren haben sich die kleinen menschlichen Marotten und Skurrilitäten bei Mary und vor allem bei Max zu satten Komplexen, schweren Neurosen und schwelenden Depressionen entwickelt. Kein Wunder, daß Elliot zum Plastilin greift; zu düster, tragisch und realistisch ist sein Menschenbild, um es von echten Menschen darstellen zu lassen. Tatsächlich aber basiert Mary & Max auf einer wahren Geschichte. Elliot hat sie teilweise aus der eigenen bittersüßen Vergangenheit, fragmentarisch aber auch aus der seiner engsten Verwandtschaft geklaubt. Clayographie nennt er diese einzigartige Mixtur aus Clay (engl. Lehm, stellvertretend für Plastilin) und Biographie, die er schon erfolgreich in seinen Kurzfilmen Uncle, Cousin, Brother und dem 2003 oscarprämierten Harvey Crumpet eingesetzt hat. Bizarre Knetfiguren mit großen Knopfaugen sind der einzige Weg, um aus der grau-brau-nikotingelben Wirklichkeit wieder eine Metapher für etwas zu machen, das keine Dimensionen hat, weil es unendlich ist: Freundschaft, Liebe, das Leben an sich. Weil alle drei bei Mary und Max bis zum Bersten vorhanden sind, überstehen sie gemeinsam zwei Mütter, einen Lottogewinn, das Asperger-Syndrom und viele Schicksale am Rande, die oft ein langes und schmerzvolles, manchmal aber auch ein kurzes, schönes Ende nehmen.

PS: Das Werk schließt mit Ethel Mumfords Aphorismus »Gott hat uns Verwandte gegeben… Gott sei Dank können wir uns unsere Freunde selbst aussuchen.«

PPS: Dann folgt Bert Kaempferts Easy-Listening-Klassiker »A Swinging Safari«, und man wird nie wieder in der Lage sein, bei dem quergeflöteten Leitmotiv nicht mit einem inneren Lächeln an Mary und Max zu denken. 2010-08-19 12:00

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