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Männer im Wasser

Allt Flyter. D/S 2010. R,B: Måns Herngren. B: Brian Cordray, Jane Magnusson. K: Henrik Sten- berg. S: Fredrik Morheden. M: The Soundtrack Of Our Lives. P: Zentropa Entertainment Berlin, Fladen Film Stockholm. D: Jonas Inde, Dietrich Hollinderbäumer, Jan Henrik Stahlberg u.a.
100 Min. Pandora ab 19.8.10

Water Willies

Von Jakob Stählin Wenn im Film in die Jahre kommende Männer den Drang verspüren, Synchronschwimmweltmeister zu werden, dann muß sich der Zuschauer auf eine gehörige Portion Midlife Crisis gefaßt machen. In Männer im Wasser begegnet der Zuschauer einer Reihe leicht schrulliger Charaktere, die sich von ihrer Männlichkeit zu emanzipieren suchen.

Geschieden, arbeitslos, seine erfolgreiche Ex-Frau zieht nach London: Nun hat Fredrik zu allem Überfluß auch noch die gemeinsame Tochter an der Backe. Um den ganzen Streß ertragen zu können, wird sich bei einem Junggesellenabend besoffen und plötzlich landet die brustbehaarte Männerbande in Mädchenbadeanzügen synchronschwimmend im Wasser. Das ist amüsant anzusehen und erinnert an Filme wie Ganz oder gar nicht oder Kalender Girls, die beide erfolgreich auf die emotionale Liebenswürdigkeit ihrer Figuren setzten, um sie letztlich nackig zu zeigen.

Frauen kommen in Männer im Wasser, abgesehen von der bezaubernden Amanda Davin als Fredriks Tochter Sara, nicht allzu gut weg, denn Fredrik und seine Kumpels leben ein allzu klassisches, gar tristes Leben. Es kommt, wie es kommen muß: Die gänzlich unmännlich Sporttreibenden werden nicht ernst genommen, ausgelacht und diskriminiert. Schön ist hierbei, wie die Arroganz, mit der westliche Staaten bezüglich ihrer vermeintlichen Offenheit umgehen, offengelegt wird. Es sind biedere Strukturen, das Wasser, in das sich die Jungs begeben, ist eiskalt. Doch gerade als die Männlichkeit zu schrumpfen droht, kriegt der Film die Kurve, entfernt sich etwas von den Figuren an sich und nähert sich seinem Kernthema langsam aber stetig an.

Es ist das Absurde, der Fakt, daß man als Zuschauer zunächst selbst über die rhythmisch planschenden Herren lacht und zum Ende hin gar glaubt, eine Leistungssteigerung im Team erkennen zu können und letztlich fast sportlich mitfiebert. Dieser Freiheitsgedanke ist wunderbar und zeigt, daß das Synchronschwimmen nicht nur als durchaus militärische Metapher wie in Céline Sciammas brilliantem Jugenddrama Water Lilies einsetzbar ist, sondern auch dessen Anmut filmisch interessant ist.

Die sehr schlichte Inszenierung Herngrens, die oft zwar ruhige, aber dennoch stilistisch dokumentarische Bildsprache, trägt dazu bei, daß man als Zuschauer häufig die filmische Distanz zu verlieren droht. Diese Leichtigkeit nimmt narrativ jedoch phasenweise enorm ab und gipfelt in banalen Problemchen der Figuren, die sehr gewollt eingestreut wirken, um der emphatischen Aufstiegsgeschichte mehr Dramatik zu verleihen. Das ist schade, denn es geht schon lange nicht mehr um Fredrik und seine Kumpels als Einzelpersonen, sondern um das gesamte Team, das Drumherum, die Geschlossenheit, mit der sie sich von ihrer Rolle lösten. Eine Emanzipation, derer sich viele Filme auch nicht entziehen sollten, denn schulmäßig zu Ende gedachte Plots wirken genauso künstlich wie das Nasenklammerlächeln der Synchronschwimmer. 2010-08-17 11:02

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #59.
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