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Distanz

D 2008. R,B: Thomas Sieben. B: Christian Lyra. K: René Dame. S: Charlie Lézin. M: Eckart Gadow. P: GrandHotelPictures, Vinzent Filmbeteiligung. D: Ken Duken, Franziska Weisz, Josef Heynert, Karsten Mielke, Jan Uplegger, Lars Jokubeit.
84 Min. AV Visionen ab 19.8.10

Der Gärtner war's

Von Sebastian Gosmann Daniel Bauer ist um die dreißig, gutaussehend und Gärtner. Ob er wirkliche Leidenschaft für diese Tätigkeit empfindet, ist schwer zu sagen. Bald dünkt es dem Zuschauer, daß es wohl eher die Ruhe ist, die er zu schätzen weiß, wenn er tagtäglich seine Schubkarre durch die Pflanzenwelt des Botanischen Gartens von Berlin-Dahlem schiebt. Schließlich ist er selbst nicht gerade der Mitteilsamste. Zwar ist Daniel offensichtlich weit davon entfernt, glücklich zu sein; depressiv oder gar lebensmüde aber wirkt er nun auch wieder nicht. Vielmehr befindet er sich in einem Zustand der emotionalen Taubheit, der inneren Leere. Viel scheint er nicht anfangen zu können mit der Welt, die ihn umgibt. Warum das so ist, darüber gibt uns Thomas Siebens Kinodebüt keinerlei Aufschluß. Ebenso unklar bleiben die Motive von Daniels Arbeitskollegin Jana, die sich – auf fast schon magische Weise – zu ihm hingezogen fühlt. Eine Psychologisierung der Hauptfiguren findet ganz bewußt nicht statt. Sieben erzählt uns seine Figuren nicht, er zeigt sie uns lediglich; bei der Arbeit, beim Zähneputzen, beim Frühstücken.

Der Titel ist Programm: Aus der Distanz nimmt Daniel seinen Opfern das Leben. Wie er zur Welt bleibt der Filmemacher auf Abstand zu seinen Figuren. Dialoge sind entweder überaus kurz gehalten, oder aber sie finden allein auf der Bildebene statt. Zum Zuhören sind wir schlicht zu weit entfernt.

Ursachenforschung ist Thomas Siebens Sache nicht. Distanz ist der mutige Versuch eines filmischen Psychogramms, ohne das Handeln der Protagonisten auch nur ansatzweise zu erklären. Die Charaktere bleiben uns fremd, der Interpretationsspielraum groß und der Film entsprechend unverbindlich in seiner Aussage. Diesem vagen inhaltlichen Konstrukt zwingt Sieben, dessen Stil (vergleichsweise lange Einstellungen, Dialogarmut, elliptische Erzählweise, sparsamer Musikeinsatz) eine gewisse ideologische Nähe zur Neuen Berliner Schule erkennen läßt, ein durchaus wohldurchdachtes, aber schließlich doch zu nüchternes und strenges visuelles Konzept auf, um den Zuschauer wirklich zu packen. So bleibt dieser am Ende eher ratlos als nachhaltig verstört zurück. 2010-08-13 12:38

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #59.
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