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London Nights

Unmade Beds. GB 2009. R,B,D: Alexis Dos Santos. K: Jakob Ihre. S: Olivier Bugge Coutté. P: The Bureau, UK Film Council, EM Media. D: Fernando Tielve, Déborah François, Michiel Huisman, Iddo Goldberg, Richard Lintern, Katia Winter, Leonardo Brzezicki, Lucy Tillet u.a.
93 Min. Kool ab 12.8.10

Himmel der Liebe

Von Christian Lailach »Mit siebzehn hat man noch Träume, da wachsen noch alle Bäume in den Himmel der Liebe«, sang Peggy March in den 1960er Jahren, schnulzig, Oma nickt. Ja, so ist das. Und trotzdem bist du irgendwie überzeugt, daß dies auch nach der Hochblüte der Teen- und Twenzeit noch möglich ist. Es beschleicht dich ein Gefühl der Melancholie und des Irrwitzes, wenn du an den Kaffeetisch bei deinen Großeltern zurückdenkst. Du siehst sie, im hohen Alter und weißt, daß sie viel trennt vom heutigen Jugendleben; doch auch sie haben die gleichen Gefühle durchlebt, wie all die Generationen nach und vor ihnen. Auch du.

Axl strandet in London, in einem offenen, heruntergekommenen Musikerschuppen, wacht jeden Morgen in einem anderen Bett auf, mal zu zweit, mal zu dritt. Er sucht seinen Vater, trifft Vera, die ebenso gestrandet ist, die so etwas wie eine Beziehung zu dem einen Typen eingeht, doch dann morgens aus dem Hotelbett flüchtet, um weder Persönliches von sich preiszugeben, noch irgendwelche Details von seinem Leben zu erfahren. Dos Santos steht mit einer selten gesehenen Nonchalance seinem eigenen Film gegenüber, scheint hier sowohl im Drehbuch als auch bei den Schauspielern eine Einstellung zu wecken, die weit mehr als nur berührt und berauscht.

Coming of Age, Feel Good oder Lebensabschnitt, alles trifft es und eigentlich nicht wirklich. Denn London Nights fehlt die Ernsthaftigkeit des Heranwachsens ebenso wie die Ausschließlichkeit des allzeit und allerorts Bejahenden und erst recht die zeitliche Beschränkung. Er weckt Zweifel an der Vergangenheit gleichermaßen, wie er mit der Ungewißheit der Zukunft jongliert. Die Offenheit und Anonymität des Urbanen, die ein Gefühl der Unabhängigkeit sublimieren, treffen zwar immer wieder – völlig zurecht – auf die Realität. Doch einerseits ist diese doch meist ein wenig anders gestrickt und endet andererseits nicht in zermarternder Perspektivlosigkeit, sondern gibt sich dem Zufall hin, der imstande ist, der momentanen Lebenseinstellung der Protagonisten eine wundersame Dynamik zu verleihen.

All das mag letztlich doch wieder fernab der vorherrschenden Alltäglichkeit eine Kunst- und Traumwelt propagieren, doch gelingt es Dos Santos über London Nights hinaus ein positives Bild zu zeichnen. Ohne die grundsätzlichen und immer wiederkehrenden Ungewißheiten in einer Welt, die diese zu verbreiten sucht. Auch wenn der ein oder andere Traum mit der Zeit zerrinnt, steht der nächste bereit, geträumt zu werden. Was hält dich davon ab, dem nächsten Tag einfach so und ohne Erwartungen gegenüberzustehen? Viel. Doch im Grunde auch nichts. 2010-08-05 12:01

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #59.
© 2012, Schnitt Online

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