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8. Wonderland

8th Wonderland. F 2008. R,B: Nicolas Alberny, Jean Mach. K: Antoine Marteau. S: Aurélien Dupont. M: Nicolas Alberny. P: M.A.D. Films. D: Matthew Géczy, Robert William Bradford, Alain Azerot, Eloïssa Florez, Ahlima Mhamdi, Michael Hofland, Luca Lombardi, Dimitri Michelsen u.a.
98 Min. Neue Visionen ab 12.8.10

Hoch die Internetionale

Von Alexander Scholz Wenn man die Welt nicht mehr versteht, helfen Weltbilder. Das sind meistens Überbauten, die strukturieren, wie man die Dinge so zu sehen hat. Die gerne als heilsbringend charakterisierten Möglichkeiten des Internet strukturieren sogar, wer (alle) die Dinge wann (immer) und wo (überall) auf beliebige Weise zu sehen hat. Die zugehörige Ideologie hört auf den Namen »Freiheit« und ist eher schwammig bis widersprüchlich definiert, was aber kein Problem ist, weil die Abstraktion schnell konkret wird, sobald der Browser geöffnet ist. Schon strömen Informationen auf den Nutzer ein und machen ihn zum Teil des einen großen Bildes.

8. Wonderland begnügt sich nicht damit, die liberale Potenz des Internet zur Utopie eines basisdemokratischen Zukunftsstaates zu erheben. Streckenweise kann man aber erahnen, daß das wesentlich unterhaltsamer gewesen wäre. Die meiste Zeit ist der vom Virtuellen ins Reale diffundierende Überbau jedoch Vehikel für alle möglichen Wunschträume – inklusive der Marginalisierung aller anderen Massenmedien. Ausprägungen dieser Luftschlösser sind Kondomautomaten im Vatikan, die Abschaffung von Nationalstaaten sowie Atomkraftwerken und obendrein eine Darwin-Bibel. Daß in dem Internetstream der Netzfreimaurer ausgerechnet ein Buch angepriesen wird, zeigt symptomatisch, wie sehr sich Jean Mach und Nicolas Alberny an ihrem wohl gutgemeinten Vorhaben durch ihren naiven Ernst verheben. Leider gilt selbiges auch für die Erzählhaltung: Die Aufmerksamkeitsökonomie wird zur Planwirtschaft, der Spannungsbogen zugunsten der klassenlosen Darstellung verworfen.

Der vielversprechende Versuch, das Internet auf die Leinwand zu bringen, geht bei diesen Prämissen bedauerlicherweise etwas unter, stellt er doch, besonders in Bezug auf das limitierte Budget des Filmes, einen inszenatorischen Kraftakt dar. Trotzdem ist der Gedanke, das Internet als einen großen weißen Raum zu sehen, durch den alle möglichen Bilder auf schmalen linearen Bahnen schnellen, in Bezug auf sein aufrührerisches Potential ironischerweise durchaus erhellend: Man sieht zwar, wie vieles sich bewegt, aber keine Bewegung und erst recht kein Weltbild. 2010-08-10 10:10

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #59.

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