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Mademoiselle Chambon

F 2009. R,B: Stephane Brize. B: Florence Vignon. K: Antoine Héberlé. S: Anne Klotz. M: Ange Ghinozzi. P: TS Productions. D: Vincent Lindon, Sandrine Kiberlain, Aure Atika, Jean-Marc Thibault, Arthur Le Houérou, Bruno Lochet, Abdellah Moundy, Michelle Goddet u.a.
101 Min. Arsenal ab 12.8.10

Tränentripelkorn

Von Thomas Warnecke Vincent Lindon war mal mit Sandrine Kiberlain verheiratet und ist jetzt mit Aure Atika zusammen. Das ist keine Schauspieler mit Rolle verwechselnde Inhaltsangabe von Mademoiselle Chambon, sondern eine den gegenwärtigen Hauptquellen des Weltwissens entnommene Information, die in irgendeinem goldenen Blatt stehen sollte und nicht im Schnitt. Andererseits hat ja nicht nur François Truffaut (sondern jeder, der ins Kino geht, um zum Beispiel Clooney zu sehen) als Vorteil des Kinos gegenüber der Literatur ausgemacht, daß man es im Film ja mit tatsächlichen Personen zu tun hat. Mademoiselle Chambon wäre möglicherweise ein weniger langweiliger Film, wenn die tatsächlichen Beziehungskisten der drei Darsteller eine Rolle spielten.

Vincent Lindon ist Jean, Maurer, glücklich verheiratet mit Aure Atika, Anne-Marie. Sie haben einen Sohn, der wird vertretungsweise unterrichtet von Sandrine Kiberlain in der Titelrolle. Als sich der Maurer und die neue Mademoiselle in der Stadt begegnen, verlieben sie sich ineinander. Er setzt ihr neue Fenster ein, sie spielt ihm auf der Geige vor. Eine Romanze, die von der engen Kadrierung vorwiegend in Halbtotalen lebt, die kaum unterschnitten sind. Was braucht es auch mehr als einen Mann und eine Frau in einer Einstellung, und er ist »nicht frei«, und Mann, Frau und Zuschauer wissen das. Das Problem ist, daß Stéphane Brizé diese ewigjunge und immergleiche Geschichte derart reduziert und behutsam inszeniert, daß sie schlicht unterkomplex wirkt. Ganze zwei Mal wird Vincent Lindon laut, ansonsten bleibt alles mehr oder weniger unausgesprochen, beharrt der Film auf der Spannung der nicht zu lösenden Situation. Arbeits- und Privatwelt der heilen Familie werden am Anfang anhand exemplarischer Szenen eingeführt – ein parataktischer Minimalismus, der bald dazu führt, jede dieser Szenen symbolisch zu lesen, etwa das gemeinsame Brüten der Familie über dem Hausaufgabenthema »direktes Objekt«. Vincent Lindon rührt den Zement für den Fenstereinbau so zärtlich an, als würde er einen Kuchen backen, seinem Vater wäscht er gar die Füße. Eine Außenwelt gibt es nicht, die anonyme Kleinstadt ist, den Danksagungen an diverse Bürgermeistereien im Abspann nach zu schließen, aus verschiedenen Orten im Marnetal, dem Bahnhof von Chartres und ein bißchen Provence-Hinterland zusammengesetzt (Fördergeldtöpfe?). Alles ist gut gespielt, Sandrine Kiberlain macht einen fertig, jede Einstellung ist dicht und präzise, und doch: Irgendwann – das ist dann wohl Identifikation mit gleich allen Figuren – hat man das Gefühl, zu ersticken. Der beim Abschied Vincent Lindon ins Auge und ins Gegenlicht der Kamera applizierte Tränentropfen ist definitiv zu dicke, aber natürlich auch das Destillat dieses durch und durch bürgerlichen Films: Genuß am ausweglosen Herzschmerz, ein hundertminütiger Seufzer über die gebrechliche Einrichtung auch der kleinsten heilen Welt. 2010-08-09 12:10

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #59.

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