— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Me Too – Wer will schon normal sein?

Yo, también. E 2009. R,B: Antonio Naharro, Álvaro Pastor. K: Alfonso Postigo. S: Nino Martínez Sosa. M: Guille Milkyway. P: Alicia Produce, Promico Imagen. D: Lola Dueñas, Isabel García Lorca, Pablo Pineda, Antonio Naharro, María Bravo, Joaquín Perles, Consuelo Trujillo u.a.
103 Min. Movienet ab 5.8.10

Down With Love

Von Eva Tüttelmann Wer will schon einen solchen Verleihtitel? Man fragt sich seit eh und je regelmäßig, welcher Teufel die Verantwortlichen reitet, wenn sie sich unsägliche »Übersetzungen« oder auch, wie in diesem Fall, Untertitel aus den Fingern saugen. Auch für Me Too ist der Untertitel eher hinderlich als förderlich und entspricht in keiner Weise dem zugrundeliegenden Werk. Daniel, der Protagonist, zum Beispiel wäre ziemlich gern »normal«. Der 34jährige Hochschulabsolvent, der am Down-Syndrom leidet, tritt einen ganz normalen Job an und verliebt sich in eine ganz normale Frau, weil sie ihm das Gefühl gibt, normal zu sein. Aufzufallen, ohne sich bewußt dafür entschieden zu haben, ist alles andere als schön und wird für Daniel zur Tortur, da das Auffallen wider Willen seinen gesamten Alltag bestimmt. Sehr bedacht geht der Film mit den Sorgen und Nöten seiner Hauptfigur um, thematisiert auch überaus glaubhaft den Konflikt, den die Beziehung zu Daniel für Laura aufwirft. Die beiden Hauptdarsteller Lola Dueñas und Pablo Pineda, dessen erste Rolle die Figur des Daniel ist, sowie die wunderbare Kameraarbeit von Alfonso Postigo und ein lebensfroher Soundtrack machen Me Too zu einem echten Erlebnis. Als man jedoch gerade vergessen hat, daß Daniel nicht im üblichen Sinne normal ist, führt eine sehr bedauerliche Regieentscheidung dem Zuschauer dies jäh vor Augen: Als er und Laura miteinander schlafen wollen, blendet der Film nach einer Berührung und einem Kuß ab, läßt einen kurz vor der dunklen Leinwand verharren und blendet nach dem Sex wieder auf. Was und ob überhaupt etwas geschehen ist, erfährt man nicht. Warum der Film sich – nachdem wir Laura bereits in einer eher mitleiderregenden Rammelszene mit einer ihrer Kneipenbekanntschaften gesehen haben – nicht traut, diesen Moment auch nur andeutungsweise zu zeigen, bleibt völlig unverständlich, hätte er doch gerade innerhalb dieses Topos' einen wichtigen Beitrag zur Charakterisierung der Figuren und deren Beziehung zueinander leisten können. Es fühlt sich geradezu an, als sei Daniel hier nur ein weiteres Mal eine Normalbehandlung verwehrt geblieben.

Leider schlägt das Presseheft in dieselbe Kerbe, indem es meint, extra darauf hinweisen zu müssen, Menschen mit dem Down-Syndrom hätten wie jeder andere eine eigene Persönlichkeit. Doch es kommt noch dicker: Dem Down-Syndrom sei nicht vorzubeugen – durch die Abtreibung des Fötus' könne allenfalls die Geburt des Kindes verhindert werden. Das ist doch nicht normal!

Doch nun genug der Schelte und adiós, Paratext. Weder für seinen deutschen Verleihtitel noch für das Presseheft kann Me Too etwas. Und auch wenn es schwerfällt, über den Abblend-Fauxpas hinwegzusehen, ist das Kinospielfilmdebut des Regie- und Autorenduos Antonio Naharro und Álvaro Pastor überaus sehenswert. Und bietet neben filmästhetisch wunderbaren Bildern reichlich Stoff für eine kritische Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Stellung behinderter Menschen. Es muß ja nicht immer ganz glatt sein. 2010-08-03 13:11

Abdruck

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap