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Mother

Madeo. ROK 2009. R,B: Bong Joon-ho. B: Park Eun-kyo, Park Wun-kyo. K: Hong Kyung-pyo. S: Moon Sae-kyoung. M: Lee Byeong- woo. P: Barunson, CJ Entertainment. D: Hye-ja Kim, Bin Won, Ku Jin, Yoon Jae-moon, Mi-sun Jun, Young-suck Lee, Sae-Beauk Song, Mun-hee Na u.a.
129 Min. MFA ab 5.8.10

Die Summe und die Teile

Von Werner Busch Bong Joon-ho hatte im Jahr 2006 mit The Host den kommerziell erfolgreichsten koreanischen Film überhaupt realisiert. Ein sehr klassisches Monstermovie, eigentlich, aber mit verschiedenartigsten Untertönen. Ein waschechtes Familiendrama und gleichzeitig dessen Parodie. Komödie, Drama, Horror, Science Fiction, Mediensatire und vieles mehr klatschten sich unerwartet und spontan ab. Die Elemente funktionierten für sich selbst und manchmal auch im Arrangement, doch längst nicht immer. Man registrierte ein virtuoses Genrespiel, einen Regisseur, der scheinbar alles kann und genau dies zeigen will und seinen Film dabei aus den Augen verliert. Da die künstlerische Latte bei Filmen, deren Protagonist ein riesiges, schleimiges Monster ist, generell eher niedrig liegt, hielt das große, augenscheinliche Manko viele Rezensenten nicht von enthusiastischen Lobeshymnen ab.

Seinen Durchbruch hatte Bong im Jahr 2003 mit dem Thriller Memories of Murder, der nicht nur aufgrund seines Serienkillersujets viel Ähnlichkeit, auch qualitativ, mit David Finchers Zodiac hat. Der nun erscheinende Mother ist ein Schritt zurück zu diesen Wurzeln des Erfolgs. Unsere namenlose Protagonistin, die stets und auch im Abspann lediglich als »Mutter« benannt wird, lebt mit ihrem 27jährigen Sohn zusammen, dessen geistige Fähigkeiten deutlich beschränkt sind und ihn zu einem großen Kind machen. Entsprechend innig ist denn auch die Beziehung zwischen Mutter und Sohn. So innig, daß sich beide ein gemeinsames Bett teilen, nicht frei von erotischen Momenten. Auch ist sich Mutter nicht zu schade, ihn mit Suppe zu füttern, während er gleichzeitig auf der Straße an eine Mauer pinkelt. Die Urinlache säubert sie anschließend mit Staub, indem sie mit den Schuhen wischend durch die Pfütze schreitet. Die traute Zweisamkeit endet jäh, als Sohnemann des Mordes an einem jungen Mädchen bezichtigt wird. Da alle Spuren auf ihn zu weisen scheinen, beendet die Polizei ihre Ermittlungen schnell, und Mutter nimmt die ihrigen auf.

Mit seinem vielschichtigen Drehbuch und einer immer interessanten Mise en scène hätte der Film leicht ein großer Geheimtip sein können, doch Bongs Film ist in der Gesamtbetrachtung merkwürdig inkohärent. Mother endet in einem unerwarteten, packenden, anrührenden und finsteren Finale, das völlig diametral zur Eröffnung des Films steht. Denn hier ist der Film mit groteskem, großartigem Humor gespickt, der sich auch im weiteren Verlauf fortsetzt. Man könnte phasenweise sogar auf die Idee kommen, daß die Thrillerhandlung lediglich die notwendigen Pausen für die Wirkungskraft der einzelnen komödiantischen Szenen liefert. Der Film ist oft zum Brüllen komisch. Doch das will sich mit der düsteren Krimigeschichte, insbesondere in der zweiten Filmhälfte, nicht zusammenfügen. Der Film zerfällt in seine Teile.

Auch Memories of Murder hatte seine humorvollen Momente. Im Unterschied zu Mother wurden diese jedoch deutlich spärlicher und stiller gesetzt, waren kleine, willkommene Abwechslungen und nicht aufdringliche, gegen den Film arbeitende Fremdkörper. Das ist umso bedauerlicher, da die einzelnen Elemente für sich genommen wirklich großartig sind und man sie nicht missen möchte. Der Versuch des Sohnes etwa, mit einem kriminellen Freund einige reiche Leute zu betrügen, was in einer exotischen Schlägerei auf einem Golfplatz endet, könnte auch einer der besten Momente aus einem aktuellen Coen-Film sein. Mother ist immer unterhaltsam und intelligent. Die bedeutsame Rolle von Mobiltelefonen im Film böte viele Notwendigkeiten zur medienwissenschaftlichen Exegese. Auch die äußerst fesselnde Darstellung der Mutter durch die beinahe unbekannte und wenig erfahrene Seriendarstellerin Kim Hye-ja kann man gar nicht genug loben. Obwohl der Film insgesamt an der Unentschiedenheit von Bong scheitert, muß dies den Zuschauer daher nicht zwangsläufig aus dem Film heraustragen. Man wird mit so vielen einzelnen Raffinessen zerstreut, daß die fehlerhafte Gesamtkomposition in den Hintergrund des Abgelenktseins treten kann. Ein sehr guter Film, der keiner ist? Ja, das gibt es. 2010-07-29 12:00

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