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Das Konzert

Le concert. F/B/I/RO 2009. R,B: Radu Mihaileanu. B: Matthew Robbins, Thierry Degrandi. K: Laurent Dailland. S: Ludovic Troch. M: Armand Amar. P: Les Productions du Tresor, OI OI OI Productions u.a. D: Alexei Guskow, Mélanie Laurent, Dmitri Nasarow, Waleri Barinow u.a.
122 Min. Concorde ab 29.7.10

Der Louis Armstrong der Klassik

Von Alexander Scholz Konzerte finden im Idealfall statt, weil Künstler etwas zu geben haben – im schlimmsten Fall eben nur ein Konzert. In Radu Mihaileanus neuem Film ist der Fall eindeutig. Das in der Zeit des Eisernen Vorhangs aus politischen Gründen abgesetzte Ensemble um Dirigent Andreï Filipov erhält eine letzte Chance aufzutreten. Filipov, mittlerweile Hausmeister bei dem Orchester, das ihn vor 30 Jahren gefeuert hatte, fängt ein Fax aus Paris ab und beschließt, seine alten Freunde zusammenzutrommeln und die Reise an der etatmäßigen Musiker statt anzutreten. Die gealterten Künstler haben nun endlich die Möglichkeit, etwas zu geben und zwar sich selbst: das Gefühl der späten Genugtuung.

Trotz der bewegenden Vorgeschichte der Figuren will aber doch nicht recht klarwerden, was die getriebenen Charaktere so aufwühlt. Ständig schnellen Schrittes unterwegs, sich in abseitige Milieus verirrend, drängelnd, rufend, schwitzend, schickt der Regisseur sie etwas unmotiviert durch Moskau und später durch Paris. Die russische Hauptstadt fungiert dabei als der Ort des erodierten Kommunismus, der vom nicht weniger chaotischen Oligarchismus abgelöst wurde – passend unübersichtlich per Handkamera abfotographiert. Das feine, elitäre Paris macht es sich derweil bei gediegenen Kamerafahrten mit einem Glas Champagner bequem, der Chaoten aus dem Osten harrend. Melancholiker Filipov sorgt indes für Entschleunigung und bewahrt Das Konzert so vor der »rasanten Culture-Clash-Komödie.« Dabei hilft ihm eine von Mélanie Laurent gespielte französische Starviolinistin, die ob der Verwechslung der Orchester in ungewohnter Begleitung fiedeln muß. Bei allen gerechtfertigten Fragen an die Plausibilität des Plots sind es die wenigen Szenen um ihr rätselhaftes Verhältnis zum Dirigenten Filipov, die dem Film seine fesselnden Augenblicke verleihen. Die Beziehung der beiden zueinander ist stets fraglich, ihre Melodie die einzige, die aus den vielen verworrenen Klängen herausklingt.

Je länger Das Konzert dauert, desto mehr spitzt sich das Geschehen auf sein Finale, das Gelingen ebenjenes titelgebenden Ereignisses zu. Mäßig subtil schreitet Mihaileanu, der auch am Drehbuch mitschrieb, die sozialen, politischen und psychologischen Konnotationen des gemeinsamen Musizierens ab und gerät dabei bisweilen auf Irrwege. Schade ist das nicht deswegen, weil es nicht unterhaltsam wäre – das ist es durchaus –, bedauerlich ist eher, daß dem Zuschauer ständig vorgekaut wird, was Musik denn alles bewirken kann, statt die Herausforderung anzunehmen, ebendies zu bebildern.

Auch deswegen ist der offenkundig kalkulierte Druck auf die Tränendrüse gegen Ende so ernüchternd, daß sich die gewünschte Empathie partout nicht einstellen will. Vor dem großen Finale wurden so viele Metaphern und Plattitüden rund um das Konzertsujet bedient, daß der eigentliche Höhepunkt nur noch als vorhersehbares Abziehbild einer Emotion daherkommt. 2010-07-23 10:57

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #59.
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