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Renn, wenn du kannst

D 2009. R,B: Dietrich Brüggemann. B,D: Anna Brüggemann. K: Alexander Sass. S: Vinent Assmann. P: Wüste Film West. D: Robert Gwisdek, Jacob Matschenz, Daniel Drewes, Amelie Kiefer, Franziska Weisz, Michael Sens, Leslie Malton, Jörg Bundschuh u.a.
112 Min. Zorro ab 29.7.10

Wenn Szenen zu Monaten werden

Von Matthias Wannhoff Mit Wirbeltieren geht dieser Film ziemlich hart ins Gericht. Bereits in den ersten Minuten knallt ein Goldfisch samt Aquarium auf den Boden, was seinen Besitzer jedoch wenig kümmert. Daß Flupp fortan in einem Eistee-Karton hausen muß, ist dem Herrchen nicht mehr wert als den kalten Kommentar: »Die Zeiten werden härter.« Gut möglich, daß dieser Zyniker, der, wenn er nicht gerade seine Zivis herumscheucht, die meiste Zeit am Schreibtisch oder auf seinem Balkon kauert, einfach zuviel Schopenhauer gelesen hat. Vielleicht ist der querschnittsgelähmte Ben aber auch bloß neidisch auf Flupp und seine Artgenossen. Denn nicht zu wissen, daß sie naß sind, liegt in der Natur der Fische – sie kennen es einfach nicht anders.

Ben hingegen weiß, wie es ist, mit beiden Beinen im Leben zu stehen. Daß er seit sieben Jahren im Rollstuhl sitzt und deshalb gar keine andere Wahl hat, als immerfort auf dem Boden zu bleiben, hat der 26jährige noch nicht verwunden. Dietrich Brüggemanns zweiter Spielfilm tut gut daran, daß er Bens Schicksal nicht mit naiver Egalitätspädagogik herunterspielt, sondern auf dem Phänomen des Ungleichen eine ganze Geschichte aufbaut: Seit zwei Jahren schon schmachtet Ben heimlich die Cellostudentin Annika an – da kommt sein neuer Zivi Christian und umgarnt die hübsche Musikerin gleich nach allen Regeln der Flirtkunst. Und doch empfindet man mit dem Gehandicapten nicht nur Mitleid, dafür ist Ben ein viel zu undurchsichtiger Charakter, gnadenlos in seinem Sarkasmus und ausgestattet mit einem Hang zur ätzenden Selbstironie. Als er im Aufzug mit einer üblen Grimasse ein kleines Mädchen samt Elternteil vergrault, stellt er fest: »So geht mir das immer mit Frauen. Erst finden sie mich interessant, dann fangen sie an zu heulen, und dann haßt mich auch noch ihre Mutter.«

Solch brillante, aufs Schärfste geschliffene Wortjuwelen blitzen dutzendfach in der Dreiecksgeschichte auf. Gleichwohl ist Renn, wenn du kannst kein Projekt, das sich leichthändig auch auf die Bühne holen oder zwischen zwei Buchdeckel pressen ließe. Verglichen mit dem Erstling Neun Szenen, der fast ohne Kamerabewegungen und Schnitte auskam, vertraut Brüggemann hier weitaus stärker auf die Möglichkeiten des Mediums. Dies betrifft vor allem das Spiel mit verschiedenen Realitätsebenen, das nicht zuletzt ein nostalgisches Spiel mit dem urigen Charme der Stop-Motion-Technik ist. Auch dem Soundtrack merkt man eine leichte Wehmut an, denn der Löwenanteil kommt von der 2007 aufgelösten Britpop-Dekonstruktions-Combo The Cooper Temple Clause. Mögen auch die Bilder nicht immer halten, was die großen Gesten auf der Tonspur versprechen, schlechtes Timing beweist der Film ansonsten bloß mit seinem Starttermin: Denn wäre Renn, wenn du kannst ein halbes Jahr früher ins Kino und zufällig einem gewissen Unionspolitiker zu Gesicht gekommen, vielleicht hätte er eingesehen, daß für soviel Tragik, Komik und Sprachgewalt sechs Monate Zivildienst einfach zu wenig sind. 2010-07-22 14:56

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