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Space Tourists

CH 2009. R,S: Christian Frei. K: Peter Indergand. M: Eduard Artemyev, Jan Garbarek, Steve Reich. P: Christian Frei Filmproductions.
98 Min. Kool ab 29.7.10

Im Weltraum hört dich keiner saugen

Von Tamar Noort Sie muß wahnsinnig sein. 20 Millionen, um für ein paar Tage in einem häßlichen Labor voller Kabel und Gerät eingepfercht zu sein, Fisch aus der Dose zu essen und sich die Zeit mit Staubsaugen zu vertreiben. So sieht der Traum von Anousheh Ansari aus, einer Milliardärin, der ersten weiblichen Weltraumtouristin. Space Tourists begleitet sie auf ihrem Weg und will anhand der Raumfahrt die Sehnsucht der Menschen nach fremden Welten durchdeklinieren – doch der Film trägt eher zur Entzauberung des Mythos' bei.

Umsichtig, als würde zerbrechliches Porzellan geborgen, wird Ansari nach der Landung aus dem Shuttle geholt. Die Sonne fällt ihr ins Gesicht. Sie schweigt, ihr Blick ist vielsagend: bewegt, erschöpft und enttäuscht, daß das Abenteuer vorüber ist.

Der Höhepunkt des Films – der Weltraumflug – fällt überraschend bodenständig aus. Ansari in der ISS beim Haarewaschen. Beim Staubsaugen. Beim Dosenfutterdinner mit den Astronauten. Dafür hat sie Millionen hingeblättert und etliche Strapazen auf sich genommen. Doch sie sagt selbst, diesen Traum habe sie schon immer gehabt und sie wäre bereit gewesen, für ihn zu sterben. Derlei Pathos findet sich bei einigen Entdeckern fremder Welten: So mancher Reisender hat enorme Anstrengungen unternommen, um ans Ziel zu gelangen. Alexander von Humboldt passierte die ewige Schneegrenze im leichten Gehrock und Straßenschuhen. Ernest Shackleton harrte monatelang in der Antarktis aus, als das Packeis sein Schiff zerdrückte. Thor Heyerdahl trieb auf einem einfachen Holzfloß 7.000 Kilometer über den Ozean. Der Wahnsinn gehört offenbar dazu, wenn Menschen sich getrieben fühlen, in fremde Welten vorzudringen. Während die historischen Abenteurer aber von ihren Reisen farbenprächtige Geschichten mitbrachten, fungiert der Film eher als Entmystifizierer dieser fremden Welt. Eine Reise ins Weltall hat man sich doch anders vorgestellt: eher Sterne in unendlichen Weiten als Neonlicht und Weltraumtoilette.

Diesen nüchternen Blick auf die Raumfahrt haben auch die Weltraumschrottsammler, die der Film parallel begleitet. Sie jagen hinter den Raketenteilen her, die nach dem Start abgetrennt werden und wieder auf die Erde fallen. Das Material ist hochwertig – es läßt sich prima verkaufen.

Regisseur Christian Frei hat sein Thema in pathetische, sehr ansehnliche Bilder gefaßt. Die Musik von Jan Garbarek und Steve Reich läßt sofort fremde Welten vor dem inneren Auge entstehen, und leise flüstert eine Stimme aus dem Off ein Gedicht über Myriaden von Sternen. Der poetische Duktus aber schafft ein seltsames Ungleichgewicht – schließlich bedient das Material nicht den Traum der Raumfahrt, sondern demontiert ihn eher. Dazu trägt auch die relativ wirre Struktur des Films bei, die noch einen Weltraumtouristen, einen All-Fan und einen Fotographen zu Wort kommen läßt. Seine großartigen Bilder von den Schrottsammlern atmen tatsächlich Poesie – aber diese Fotos zeigen nicht die fremde Welt der Raumfahrt. Sie zeigen diejenigen, die am Boden geblieben sind. 2010-07-27 09:38

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