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Micmacs – uns gehört Paris!

Micmacs à tire-larigot. F 2009. R,B: Jean-Pierre Jeunet. B: Guillaume Laurant. K: Tetsuo Nagata. S: Hervé Schneid. M: Raphaël Beau. P: Epithète Films, Tapioca Films, Warner. D: Dany Boon, André Dussollier, Nicolas Marié, Jean-Pierre Marielle, Yolande Moreau, Julie Ferrier, Omar Sy, Dominique Pinon u.a.
104 Min. Kinowelt ab 22.7.10

Im Reich der Spinner

Von Lena Serov In Die fabelhafte Welt der Amélie schickte Jean-Pierre Jeunet eine rehäugige und schmollmundige Fee und Rächerin im geschönten Pariser Hochglanz-Montmartre auf die Mission, das kleine Glück der kleinen guten Leute zu erfüllen. In seinem neusten Streich Micmacs – Uns gehört Paris! ereilt nun das große Unglück die großen bösen Leute. Die Rache haben sich zwei Waffenhändler eingehandelt. Die Ausführung übernimmt eine Truppe verschrobener Nonkonformisten. Der Initiator unter ihnen ist Bazil. Im Zeitraffer wird seine Backstory etabliert: Tod des Vaters durch eine Mine in Algerien. Psychose der Mutter. Internat, Strafen und eine Flucht und schließlich der Eskapismus in die Cinephilie. Als ihn eine actionreiche Verfolgungsszene vor seiner Tür aus seiner Filmwelt in die (oder eine) »Realität« holt, so scheint es mit ihm auch schon vorbei zu sein: Eine Kugel steckt in seinem Kopf. Die rettende Diagnose der Ärzte: Zum Überleben muß die Kugel drin bleiben – Bazil trägt damit aber die Gefahr in sich, jeden Moment tot umzufallen. Und wie viele ins Leben zurückgeholte poetische Helden landet auch Bazil in einer bizarren Halbwelt und schmiedet schließlich einen Sabotageplan gegen die Rüstungsindustrie.

Seine wundersame Adoptivfamilie, aus der Normalität ausgesonderte und skurrile Freaks, lebt in einer eigenen, selbstgebauten Unterwelt. Stereotyp um Stereotyp stehen sie sich in ihrer Idiosynkrasie in nichts nach: Calculette hat die außergewöhnliche Gabe, alle Maße und Koordinaten rechnerisch blitzschnell zu erfassen, Bricàbrac, dessen Körper ein einziges Ersatzteillager ist, hält den Weltrekord als lebende Kanonenkugel und Remington, ein ehemaliger Ethnograph, ist Chronist der Truppe und dokumentiert alle Sprichwörter. Zusammen sammeln und verwerten sie alten Schrott. Die antiquierte Sammlung aus ausrangierten technischen Apparaten ist es auch, die ihnen gute Dienste bei der Intrige gegen die Waffenhändler leistet: Alte Aufzeichnungs-, Kommunikationstechniken und Werkzeuge dienen dem Ausspionieren und Gegeneinanderausspielen der diversen Parteien und Kompromittieren derer hochgerüsteter High-Tech-Maschinerie. Mit Kleinganoventricks und der Kunstfertigkeit von Zirkusleuten gelingt es dem Team, die Waffenindustrie zu sabotieren und die Bosse gegeneinander aufzuhetzen.

Das ist auch der kindlich-naive Spaß von Jeunets Universum. Die Bösen werden abgestraft, die kleinen Leute spielen Helden. Und dies in einem fantastischen Paris, das jedes Mal aufs Neue erfunden wird. Jeunet inszeniert es diesmal gänzlich anders als in Amélies Zuckerwattenwelt. Es ist ein düsteres Paris der urbanen Unorte: der Schiffs- und Flughäfen, der Einkaufspassagen und Waffenfabriken, der Schrotthöhlen und verlassenen Straßen. Die Pastellfarben von Amélies Fantasie-Montmartre haben die rostige Patina des aussortierten Altmetalls, das die skurrile Truppe recycelt, angenommen. Und die düsteren Hallen der Rüstungsindustrie werfen große, dunkle Schatten auf die vermeintliche Stadt der Liebe. Letztere kommt hier aber dennoch nicht zu kurz. Bazil hat nämlich noch eine andere Mission: die Eroberung der gelenkigen Madame Kautschuk, die sich mühelos in Kühlschränke, Koffer und Kartons hineinwinden kann.

Mit seinem Kino der Virtuosität und der Liebe zum ausgefallenen und ausgefeilten Detail befeuert Jeunet nicht die Fantasie, denn bei ihm ist das Kino selbst schon eine hermetische Fantasie, deren Bilderreigen aus den Köpfen eines eingespielten Teams entströmt, dessen ausführender Kopf aber immer noch der Auteur Jeunet ist, wie er selbst betont. Die digitalen Tricks, die kleinen narrativen Kunststücke und die von jeglicher Psychologie befreiten bizarren Figuren sind wie in Amélie effektvoll zu einem Stehauf-Bilderbuch zusammengebastelt. Damit belebt Jeunet jedoch erneut eine der Ursprungsideen des Kinos, die der Attraktionen und Illusionen, die Georges Méliès auf die kinematographische Bühne zauberte. Gleichzeitig läuft Jeunets Kino aber Gefahr, nur Attraktionskino zu bleiben. Wahrscheinlich ergeht es Micmacs so wie dem selbstgedrehten Enthüllungsvideo der Rächerbande über die Machenschaften der Waffenhändler, das im YouTube-Universum nur Amüsement, aber keine weiteren Reaktionen auslöst. Aber vielleicht ist ihm dies ja auch schon genug. 2010-07-15 12:00

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